Ring-Bauten für Russland

Die Grazer Architektin Marion Wicher hat sich in einem internationalen Architekturwettbewerb gegen Büros aus Norwegen, Italien sowie Serbien durchgesetzt und entwickelt und gestaltet im russischen Altai-Gebirge das Resort- Projekt Manzherok.

Ein wenig klingt die ganze Geschichte ie ein Märchen aus Tausendundeine Nacht. Oder auch wie aus dem Alltag der großen, weiten Architekturwelt, was zeigt, dass diese beiden Welten gelegentlich nah beieinander liegen. Fakt ist, dass die Grazer Architektin Marion Wicher seit Kurzem den Auftrag hat, in Manzherok am Eingang des Altai-Gebirges die Entwicklungsstrategie für ein Ganzjahresresort zu erarbeiten und ihre Planungen auch zu gestalten – unter besonderer Berücksichtigung der unberührten Natur und der Weite des
Landes.

„Manzherok liegt fünf Flugstunden von Moskau entfernt am Eingang des Altai-Gebirges, das hier noch niedrig ist und bis etwa 1.500 m aufragt, insgesamt ist es aber ein bis zu 4.500 m hohes Hochgebirge im Grenzgebiet von Kasachstan, Russland (Sibirien), der Mongolei und China“, lokalisiert Marion Wicher im Gespräch mit Building Times ihr Projekt.

Begonnen habe ihre neue „Russland-Karriere“ mit einer internationalen Wettbewerbsausschreibung der Sberbank, zu der aus Österreich die Wiener Coop Himmelb(l)au eingeladen war. „Die musste aber aus Zeitgründen absagen und haben die Grazer Architektur Consult gefragt, ob sie die Einladung übernehmen wollen. Vor Weihnachten hat mich dann Hermann Eisenköck, einer der  Geschäftsführer, gefragt, ob ich einsteigen wolle. Eine Woche vor dem Besichtigungstermin mit Workshop, für den von jedem der teilnehmenden Architekturbüros zwei Vertreter verlangt waren, musste ich dann kurzfristig Visum und Flug organisieren und bin nach Manzherok geflogen“, berichtet Wicher. Zur Abgabe und Präsentation flog Wicher nach Moskau und hatte bis dahin das Projekt bereits „mit meinen Leuten in Graz“ bearbeitet, sodass sie als Präsentatorin nur logisch war.

Bei der Präsentation für den bezahlten Wettbewerb in der Sberbank am 19. April habe es eine hervorragend besetzte Jury gegeben, unter anderem mit der Deutschen Kristin Feireiss, Leiterin des Architekturforums Aedes in Berlin, die für die Arge Coop Himmelb(l)au/Architektur Consult/Marion Wicher entschieden habe und damit gegen drei Büro aus Norwegen, Italien und Serbien. Den Planungsauftrag hat Wicher seit Kurzem, über den Realisierungsauftrag verhandelt sie gerade. Die Fragen „wie viel, wie groß und wann“ seien noch zu klären, erklärt die Architektin exklusiv in Building Times. Wobei vom Investor Sberbank drei Realisierungsphasen vorgesehen sind. So war die Situation Mitte Juni, doch seither haben sich die Ereignisse geradezu überschlagen, wie die Planerin nachdrücklich deutlich macht: „Entgegen der ursprünglichen Aussage von Coop Himmelb(l)au, dass sie das Projekt zur Gänze nach Graz transferieren wollen, wollen sie nun doch einen Teil der Planung übernehmen. Daher wird das Projekt – bisher alleinige Urheberin: Marion Wicher – ab jetzt als Arge Coop/Archconsult/Marion Wicher weitergeführt werden.“

In der Zwischenzeit habe auch der Auftraggeber konkret Planungen angefragt, meldet die Architektin, die darüber „mitten in den Verhandlungen“ steht. „Das Projekt wurde von mehreren Seiten sehr gut angenommen und das Feedback war umwerfend. Auch das öffentliche Interesse in Russland ist sehr groß. So soll es im September vor Ort in Sibirien eine große Präsentation geben – dort sind im Herbst Wahlen und das Projekt ist somit auch von höchstem politischen Interesse“, weiß Wicher.

Die Konzeption

„Ich habe mich gefragt, über die Architektur hinaus, wie man so ein Resort mit Aktivitäten füllen kann, um möglichst viele Menschen anzuziehen, wie man in dieser unberührten Natur und in dieser Weite eine internationale Attraktivität schaffen kann. Der Schamanismus kommt ja aus dem Altai-Gebirge und ist auch bei allen Turk-Völkern zu Hause, deshalb sind auch in Manzherok Bäume mit weißen Bändern behängt, die einen besonderen Ort markieren“, berichtet die Architektin von einer der Anregungen, die sie aus Manzherok bezogen hat. Vorgefunden hat sie in Manzherok auch einen Doppelmayr-Lift, der seit Kurzem fertig ist und an einem zugewachsenen See liegt, der unter Naturschutz steht. Aus den weißen Bändern und dem zugewachsenen See entwickelte Wicher schließlich die Idee, einen Ring als Baufeld zu definieren. „Bebauung soll es nur auf dem Ring mit sanfter Neigung zum See hin geben, einem Ring mit ungefähr 500 m Durchmesser. Der Lift geht durch den Ring und seine Talstation sitzt auf dem Ring“, erläutert die Planerin. Wozu sie gleichzeitig High- und Low-Activity-Zonen definierte.

„Rechts von der Talstation habe ich ein Hotel angesiedelt, daneben ein Bad- und Spa-Village, sowie Chalets. Die darauffolgende Development-Zone kann auf die Entwicklung des Resorts reagieren und am Ende des Rings plane ich eine Zone mit hoher Aktivität: Unter anderem ein Ethno-Village als Präsentationsfläche für die Ansässigen mit ihren Produkten. Das sollen Holzgebäude werden, die an alte Nomadenzelte erinnern. Anschließend folgen Kioske wie Litfaßsäulen, quasi eine begehbare Lichtskulptur.“ Dazwischen werde es noch eine Arena für verschiedene Veranstaltung geben.

Großstrukturen kommen unter die Bauten

Weil es im unteren Teil des Ringes, zum See hin, eine ca. zehn Meter hohe Geländestufe gibt, will Wicher dort „alle großen Strukturen“ unterbringen: „Dort wird es eine Sport- und Veranstaltungshalle geben, unter dem Hotel einen Indoor-Pool, auf dem Ring werden nur kleine E-Autos unterwegs sein, alles wird von unten bestückt – und einen Parkplatz wird es nur außerhalb des Ringes geben“, umreißt die Planerin ihre Vorstellungen. Als Animo für die Naturnutzung sieht Marion Wicher „Stege in den Wald in der Felslandschaft“ vor, an deren Ende sie Objekte der Landart aufstellen lassen will, „zu deren Schaffung ich Künstler aus der ganzen Welt einladen möchte“. Auch damit solldas Ziel erreicht werden, mehr als zwei bis drei Tage Verweildauer der Gäste zu erreichen. Ähnliche Stege durch den wilden Uferbewuchs sollen auch den See zugänglich machen, „den wir in seiner Wildheit erschlossen und unberührt lassen. Dort gibt es noch eine echte Wintermärchen-Landschaft, die man für vielfältige Aktivitäten nutzen könnte“.

Nach Wichers Überlegungen soll der See als Licht-Landschaft inszeniert werden, ähnlich wie der ganze Ring, der mit Licht orchestriert werden soll. „Das sieht man dann auch vom Flugzeug aus.“ Dazu würde auch ihre Titel-Idee „The Greater Idea“ passen. Die Bergstation der Seilbahn habe die gleiche Form wie der Ring, mit einer 360-Grad-Panorama-Ausrichtung samt Gastronomie und Shops, ergänzt die Planerin. Die Tragstruktur der Gebäude übernimmt übrigens die Idee der weißen Bänder. „Ich finde die Idee so gut, je mehr Zeit vergeht, umso besser gefällt sie mir“, ist die Architektin zufrieden. Denn das sei nicht immer so. Manchmal erscheine die ursprüngliche Idee nach einiger Zeit nicht mehr ganz so gut wie zu ihrer Entstehung. Irgendwann werde wohl ein russisches Architekturbüro das Projekt übernehmen müssen, anders sei es kaum zu machen. Was auf die Architektin und eventuell auf Coop Himmelb(l)au noch alles zukommt, steht noch nicht fest: „Eine Polierplanung wird es wohl nicht geben, aber unter Umständen so etwas wie einen Bericht oder eine gemeinsame Erarbeitung der technischen Umsetzung mit einzelnen architektonischen Details und Fassadenschnitten“, hofft die Grazer Architektin. Im nächsten Schritt werde aber die Sberbak erst einmal entscheiden, wie viel, wie groß und wann in Manzherok gebaut wird.

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