„Die Gewinner sind flexibel“

Renate Hammer, Geschäftsführende Gesellschafterin des Institute of Building Research & Innovation ZT GmbH, über das Heizen und Kühlen der Zukunft, die Bedeutung von Tageslicht und den Umstand, dass viele Gebäude ohne elektrische Energie ihre Funktionalität abrupt verlieren.

Building Times: Fr. Hammer, Sie haben maßgeblich für die seit Juni geltende Tageslichtnorm gekämpft. Ist das nicht seltsam in einer Zeit, in der Architekten und Bauschaffende die Normenflut beklagen? Passt das zur Zeit?

Renate Hammer: Es passt vielleicht nicht zur Zeit, aber zum Thema – weil es immer noch Bereiche gibt, die im wahrsten Sinne des Wortes unterbelichtet sind. Die Bewertung von Tageslichtqualität im Innenraum war bislang innerhalb Europas sehr unterschiedlich. In Österreich war eine allgemein verbindliche Bewertung, ob eine Tageslichtsituation gelungen ist oder nicht, praktisch so gut wie unmöglich.

BT: Wieso dauerte es eigentlich so lange, bis das Tageslicht in einer Norm festgeschrieben wurde? Es handelt sich da ja um das Natürlichste auf der Welt.

Hammer: Genau das ist vermutlich der Grund. Wir sind es gewohnt, dass Licht immer und überall da ist. Dazu kommt, dass der Mensch, was das Visuelle betrifft, extrem gut ausgestattet ist, und somit stört es uns nicht, wenn wenig Tageslicht vorhanden ist. Aber die neuesten Erkenntnisse, etwa betreffend der zirkadianen Rhythmik, zeigen ganz klar, dass das in Räumen vorhandene Tageslicht für die Bedienung der nicht visuellen lichtabhängigen Systeme nicht ausreicht. Das ist ein wesentlicher Punkt. Die Kunstlichtindustrie hat ja genau diesen Aspekt aufgegriffen und erklärt, wir orientieren uns am Tageslicht. Da war es dann logisch zu sagen, orientieren wir uns nicht nur am Tageslicht, sondern nehmen wir es einfach, wenn es zur Verfügung steht. Die Botschaften der Kunstlichtindustrie waren somit sehr hilfreich.

BT: Enthält die Norm auch Empfehlungen für den Sonnenschutz, der am Ende nicht unerheblich ist für die Auslegung von Kälte- und Klimatechnik?

Hammer: Für den Sonnenschutz nicht direkt, es geht in dieser Norm um den Blendschutz. Die Vermeidung der Überhitzung ist ein anderer Aspekt, der aber bereits ausführlicher Normierung unterliegt. Meistens lässt sich Überhitzung mit flexiblem mechanischem Sonnenschutz gut vermeiden.
Die wirkliche Auseinandersetzung findet aber dort statt, wo sehr dunkle Gläser als Sonnenschutz zum Einsatz kommen. Dadurch ergibt sich im Inneren ein stark verfärbter Lichteindruck beziehungsweise ein unnatürliches Spektrum. Und genau das sollte mit der neuen Norm vermieden werden. Auch diverse Zertifizierungssysteme gehen in diese Richtung. Dort gibt es für die Erreichung eines bestimmten Tageslichtkoeffizienten Punkte.

BT: Ihre zentralen Tätigkeiten sind Forschung und Entwicklung. Was steht aktuell an?

Hammer: Die Energieraumplanung wird ein zunehmend wichtiger Aspekt. Die Ausgangsfrage dabei ist, wie sich eine Stadt, eine Kommune versorgen lässt, wenn das Netz, über das derzeit die Energie verteilt wird, nicht ausreicht oder nicht gewünscht wird, zum Beispiel Gas aus ökologischen Gründen. Da stellt sich die Frage, was an nutzbarer Energie vor Ort ist und wie es sich nutzen lässt. Daran angeknüpft ergeben sich weitere Fragestellungen: Reicht das vorhandene Potenzial aus, wie weit kann ich den Verbrauch reduzieren und kann die alternative Energieversorgung tatsächlich realisiert werden? Was steht dem entgegen? Das sind teils gewaltige Herausforderungen, etwa auch die Umstellung auf ganz andere Wärmeniveaus.

BT: Das heißt Niedrigtemperatur?

Hammer: Ja und daran geknüpft die Speicher, etwa mit regenerativen Erdsonden. Die nächste Frage, die sich stellt ist, ob wir mit elektrischen Batteriespeichern den stationären Bereich, also Gebäude, sinnvoll bedienen können oder ob dadurch neue ökologische Probleme entstehen. Zu all dem kommt der fortschreitende Klimawandel, der die Frage der Kühlung in den Mittelpunkt rückt. Hier besteht die Chance, dass die Netze der Zukunft mit Niedrigtemperaturmedien heizen und kühlen.

BT: Das heißt, die Heiztechnik steht vor gravierenden Veränderungen? In welchem Zeitraum werden sich die Systeme anpassen müssen?

Hammer: Für die Städte ist der Zeitpunkt schon gekommen. Der Wandel von Heizen auf Heizen und Kühlen wird fließend sein – wenn nicht Ereignisse eintreten, die von den Klimaforschern nicht vorhergesehen werden konnten. Industrien, die in diesem Feld arbeiten, müssen sich dringend mit dieser Thematik befassen. Die Gewinner der Zukunft werden jene sein, die Systeme bieten, die mit wenig Aufwand Wärme und Kälte liefern können. Doppelgleisigkeiten wird man sich kaum leisten wollen.

BT: Im Moment sieht es so aus, als würde die Heiz- und Kühltechnik künftig stromgeführt sein.

Hammer: Vor dem Hintergrund, dass sich Netz- und Batterietechnologien rasant entwickeln, scheint Strom für eine dekarbonatisierte Versorgung wichtig zu werden. Hier stellt sich aber auch die Frage, ob alles Wechselstrom sein muss oder nicht auch Gleichstrom eine Variante wäre. Damit könnten Verluste reduziert werden.

BT: Haben die Städte schon erkannt, dass sie sich verändern müssen?

Hammer: Ich glaube doch. Das Bemühen ist speziell in schnell wachsenden Städten wie Wien und Graz vorhanden. Es wird in erste großflächige Projekte bis hin zur Quartiersebene investiert. Auch in diversen Forschungsförderungsprogrammen wird reagiert. Bauträger und Netzbetreiber
sind gefordert und müssen überlegen, wie sie sich in die neu entstehenden Szenarien einklinken.

BT: Gelingt das schon?

Hammer: Die Umstellung bleibt nicht immer friktionsfrei, aber das liegt wohl im Wesen von Veränderung. Es gibt jedenfalls einen Kulturwandel, und allen Beteiligten ist bewusst, dass es eine Vielzahl von Playern braucht, um Bewegung ins Denken zu bringen.

BT: Trotzdem wurde das Projekt Big Solar in Graz etwa halbiert, und beim Anergie-Projekt im 17. Wiener Bezirk weiß man die Größe auch noch nicht. Wirken da die Bremser?

Hammer: Es ist schon so, dass sich vieles in der Theorie ganz einfach anhört, aber in der Praxis auf ungeahnte Hindernisse stößt. Pilotprojekte sind auch dazu da, um zu zeigen, was gut funktioniert und was nicht. Nachdem die Umwälzungen aber sehr groß sind, ist es auch an der Zeit, Fehlerkultur nicht ganz so österreichisch auszuleben. Nicht jeder Fehler ist ein Untergang, mancher auch ein Anfang.

BT: Welches ist hierzulande derzeit das spannendste Projekt?

Hammer: Das sage ich nicht.

BT: In welche Richtung geht es?

Hammer: In Wien gefällt mir das Programm der Zukunftsquartiere. Es ist spannend, dass man sich hier Quartiere mit unterschiedlichsten Voraussetzungen ansieht, denn die eigentliche Herausforderung liegt in der Adaptierung des Bestands. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, wo welche Probleme und Potenziale liegen. Da geht es häufig nicht um technische oder energetische Bereiche, sondern um rechtliche oder soziale.

BT: Das heißt, die Technik ist das geringere Übel?

Hammer: Technisch sind wir inzwischen sehr weit. So hat Wien aufgrund seiner Geologie große Chancen im Bereich der Geothermie.

BT: Wien hat aber mit der Geothermie in Aspern schon viel Lehrgeld bezahlt.

Hammer: Ja, dort hat man aber versucht, Tiefensondentechnologie einzusetzen. Gute Erfahrungen gibt es aber mit Erdwärmesonden, die in mittleren Tiefen bis etwa 250 Meter brauchbare Erträge liefern. Wichtig ist dabei, dass man Wärme nicht nur entnimmt, sondern zu den Jahreszeiten antizyklisch ein- und ausspeichert.

BT: Gibt es weitere Projekte?

Hammer: Ganz aktuell haben wir ein Projekt der Internationalen Energie Agentur zu betreuen, den Task 80 zum Thema Resilient Cooling. Da geht es darum, klimaneutrale, oft auch Lowtech-Lösungen für die Gebäudekühlung weltweit zu entwickeln. Es sollen stabile Systeme gefunden werden, die auch von ärmsten Bevölkerungsgruppen und in wenig technologisierten Gebieten eingesetzt werden können. Kühlung soll auch dann möglich sein, wenn etwa das Stromnetz seinen Dienst versagt.

BT: Da geht es also um Verdunstungskälte und Ventilation?

Hammer: Ja, das sind wichtige Themen, und hier schließt sich auch der Kreis zur Normung wieder, über die wir am Beginn gesprochen haben. Wie viel Luftbewegung ist und zumutbar? Passen die in unserer aktuellen Norm erlaubten Luftbewegungsgeschwindigkeiten von beispielsweise 0,17 Meter pro Sekunde noch zu unserem Klima? Es stellt sich natürlich die Frage nach der Qualität von Luftbewegungen.

BT: Ist die Industrie an diesem Projekt beteiligt?

Hammer: Das wird sich zeigen. Die nationalen Ausschreibungen zu diesem Task kommen erst, da dieses Projekt ja erst anläuft und noch vier Jahre dauert. Es wird sich zeigen, welche Möglichkeiten sich für die Industrie eröffnen. Eine Beteiligung wäre aber sehr sinnvoll.

BT: Aktuell werden viele Bauten mit sehr viel Technik geplant und errichtet. Sehen Sie dazu eine Gegenbewegung?

Hammer: Sichtbar kaum, aber es gibt sie. Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Gebäude so errichtet werden sollten, dass sie nicht völlig funktionsuntauglich werden, wenn der Strom ausfällt. Gebäude, die evakuiert werden müssen, wenn die technische Kühlung ausfällt, wie etwa in den USA während des großflächigen Netzzusammenbruchs 2003, halte ich für Fehlplanungen.

BT: Das sind aber abseits der Gründerzeithäuser so gut wie alle, oder?

Hammer: Es sind etliche, aber bei weitem nicht alle. Selbst Wohn- und Bürohochhäuser funktionieren durch die Qualität ihrer baulichen Substanz und räumlichen Konzeption. Ich halte es für eine Fehlentwicklung, Gebäude nurmehr als Hüllen für ein technisch erzeugtes Raumklima zu betrachten.

BT: Zur Baukultur: Wird der im Juni erschienene 3. Baukulturreport politisch entsprechend wahrgenommen?

Hammer: Es gibt eine erfreulich große Nachfrage, was aber noch nicht wirklich etwas darüber aussagt, ob dem Interesse auch entsprechende Aktivitäten folgen. Wichtig ist aber, dass gleichzeitig mit dem Baukulturreport auch die baupolitischen Leitsätze des Bundes erschienen sind. Darin formuliert der Bund selbstverpflichtende Maßnahmen, die es zu erfüllen gilt. Das sind zum Teil ganz wesentliche Vorhaben etwa im Bereich der Siedlungsentwicklung. Im Baukulturreport werden die Regierungsprogramme der Regierungen seit 2000 analysiert. Jedes Programm bekennt sich zum sorgsameren Umgang mit der Ressource Raum. In der Realität geht der Bodenverbrauch aber ungehindert und deutlich stärker weiter, als es dem Bevölkerungswachstum entsprechen würde. Das ist eine zentrale Frage der Baukultur und der Baukulturpolitik.

BT: Was hat Sie im Bereich F & E im Baubereich in den letzten Jahren am meisten beeindruckt?

Hammer: Positiv finde ich, dass soziologische Fragen vermehrt betrachtet werden. Es gibt nun so etwas wie eine Nutzerbedürfnis-Orientierung, das ist wirklich ermutigend. Was aber immer noch und vielleicht auch zunehmend aufklafft, sind unterschiedliche Entwicklungen in Stadt und Land. Uns fehlen ganz häufig Perspektiven für den ländlichen Raum. Breitband ist wahrscheinlich gut gegen Abwanderung, greift aber zu kurz, um Identität, Identifikation und Einzigartigkeiten zu erhalten.

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