Reininghaus: Filetiert investiert

Die Entwicklung im neuen Grazer Stadtteil Reininghaus geht im Herbst in die „heiße Phase“. Die Schienen dafür sind gelegt. Zu Jahresende sollen rund 3.000 Menschen hier wohnen.

Der Herbst wird die heiße Phase, erklärt Daniel Huber vom „Stadtteilmanagement Reininghausgründe“ bei einem Rundgang durch die Mega-Baustelle des zweitgrößten Stadtteil-Entwicklungsprojektes Österreichs. „Ende September werden hier rund 2.500 Menschen wohnen, bis Jahresende werden noch rund 500 dazukommen, weil heuer rund 950 Wohnungen fertiggestellt wurden und werden“, erläutert Johanna Vucak, die Presse-Verantwortliche des „Eigentümerboards Reininghaus Gründe“, gegenüber Building Times. Am 13. September wurde der erste Kindergarten eröffnet – insgesamt sollen es vier werden – Ende September steht die Übergabe von mehr als 550 Miet- und Eigentumswohnungen der ÖSW-Gruppe, entworfen von Pentaplan auf dem Programm, im Oktober die Besiedelung des „Parkquartiers“ der Grawe Immobiliengruppe, ebenfalls von Pentaplan, mit 360 Wohnungen. Mit 68 m Höhe wird der 20-geschoßige „mirror“ übrigens das zweithöchste Wohngebäude der Steiermark. Was auch ein Markenzeichen von Reininghaus werden wird: Die von der Stadt jahrzehntelang nicht gewollten Hochhäuser kommen wieder. Im Q 7 wiederum entstehen zwölf drei- bis siebenstöckige Holzbauten mit 207 Wohnungen, zur Miete und im Eigentum, geplant vom Architekturbüro balloon und Hohensinn Architektur. Bauherr ist die Wohnbau-Genossenschaft Ennstal. Auch die Gewerbeflächen seien hier voll vermietet.

BIM statt Auto

Auch die Tram-Schienen sind schon weitgehend fertig verlegt: Am 26. November soll die dann verlängerte Linie 4 in Betrieb gehen. Gleichzeitig wird auch die Smart City durch die Tram erschlossen werden, durch die ebenfalls verlängerte Linie 6. Für die Reininghaus-Gründe wird die Straßenbahn-Anbindung essentiell, denn die Stadt möchte das rund 50 Hektar große Areal weitgehend frei von Autos halten, sie in Tiefgaragen stecken und keine Durchwegung ermöglichen. Carsharing, Fahrrad-Garagen, E-Bike-Ladung, usw. sollen als Auto-Ersatz forciert werden. Ein Auto jedoch wird sehr gemocht: Eine Plastik von Erwin Wurm, die aus einem aufgestellten LKW besteht, und von der Stadt, dem Land und GA Immobilien um 700.000 Euro angekauft wurde und in Reininghaus aufgestellt werden soll.

Erste Neu-Siedler vor 20 Monaten

Die ersten Neu-Siedler auf dem ehemaligen Brauerei-Areal bezogen auf der „Linse“, das heißt Reininghaus Zehn im Q 4, das im Jänner des Vorjahres fertiggestellt wurde, 155 Wohnungen in 28 unterschiedlichen Typen auf sieben Geschoßen. Geplant wurde das Projekt des „Nachhaltigen Immobilienfonds Österreich“ vom Architekturbüro Seeger und gleich einmal mit klimaaktiv Gold zertifiziert.

Das war 16 Jahre nachdem die Brauunion das Areal an die Asset One des Werbers Ernst Scholdan verkauft hatte, der „die ideale Stadt“ bauen wollte. Danach scheiterte 2011 der Verkauf an das Petruswerk, worauf die Stadt Graz selbst einsteigen wollte, was aber 2012 in einer Bürgerbefragung abgelehnt wurde, worauf mit der Filetierung begonnen wurde, nachdem die Stadt umgewidmet hatte. Zurück in der Gegenwart zeigt sich, dass Reininghaus sicher nicht die ideale Stadt werden wird, sondern ein Ensemble aus Investoren-Projekten von großteils bescheidenem architektonischem Anspruch, was Stadtbaudirektor Bertram Werle folgendermaßen erklärt: Viele Projekte würden von der Planung bis zur Umsetzung zahlreiche Eigentümerwechsel erfahren und jeder neue Eigentümer müsse dann sparen, um selbst Gewinn zu machen – „und am einfachsten spart man an der Fassade: Das spürt man im Inneren nicht, aber man zeigt ein anderes Gesicht nach außen“.

Öffentlicher Park

Viel ist noch zu tun auf den Reininghaus-Gründen, noch wird an zwei Plätzen der Aushub aufgeschüttet und als Schüttmaterial verwendet, wo jetzt noch vier große Erdhaufen liegen, soll schon bald der drei Hektar große, öffentliche Park entstehen, geplant von zwoPK, „für den ein Großteil des Baumbestandes erhalten werden konnte“, wie Daniel Huber bei der Besichtigung ausdrücklich betont. Am Green Tower von Architekt Thomas Pucher wird gebaut, er soll mehr als 80 m hoch werden, an der Fassade hunderte Bäume und Sträucher tragen und damit einen spannenden Kontrapunkt zu der denkmalgeschützten, aber desolaten Tennenmälzerei abgeben, die von der Stadt um eine Million Euro angekauft wurde. Für die sechs Baukörper des Quartiers 2 läuft das Bauverfahren, für Schulkinder heißt es vorderhand aber noch, bitte warten, weil der Reininghaus-Schulcampus erst mit dem Schuljahr 2024/25 in Betrieb gehen wird, und zwar mit einer Volksschule mit 20 Klassen und einer AHS mit 38. Die Architekten-Wettbewerbe sind jedoch bereits entschieden. Immerhin wird als Fertigstellungs-Horizont für die Reininghaus-Gründe sehr vorsichtig 2030 genannt. „Wir hören oft, hier auf den Reininghaus-Gründen sehe es aus wie in Bibione oder Lignano“, berichtet Stadtteilmanager Huber. Ob das ein Kompliment oder eine Ohrfeige sein soll, bleibt Geschmackssache.

Keine Kommentare

Kommentar schreiben