Gemeinsam einsam

Das fehlende Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) verzögert auch Energiegemeinschaften, die zur Erreichung der Klimaziele 2030 notwendig sind. Einzelne Akteure proben die Modelle trotzdem - ohne Aneize und zu vollen Kosten.

Unter Energiegemeinschaften werden Organisationen verschiedener Art verstanden, innerhalb derer Strom ausgetauscht, gehandelt, geborgt, von Nachbarn genutzt, gespeichert, usw. werden kann. Ihre Basis ist das EU Clean Energy Package, das Bürgerinnen und Bürger in den Mittelpunkt der Energiewende stellt. Das schon wiederholt verschobene Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG), siehe auch Seite XX, soll dafür die rechtlichen und vor allem wirtschaftlichen Rahmenbedingungen definieren – bloß das gibt es noch nicht.

Sehr wohl aber gibt es Energiegemeinschaften und andere Gruppierungen, die ähnlich funktionieren, worüber der jüngste digitale Energy Lunch der steirischen Landesregierung einen guten Überblick geboten hat. So berichtete Matthias Katt, Gründer und Geschäftsführer der eFriends Energy GmbH im niederösterreichischen Nappersdorf von „seiner“ Energiegemeinschaft mit 400 Teilnehmern, der größten Österreichs, wie Katt sagt. Sie wurde Anfang 2019 mit rund 100 Teilnehmern gestartet und biete mit einer „revolutionären Technik“ den Stromaustausch von PV-Anlagen sowie Beteiligungsmöglichkeiten an Kleinanlagen. „Ein österreichweiter digitaler Marktplatz“, so der Unternehmer.

Zukunftsmodell Stromtausch

Die in diesem Zusammenhang höchstens für klassische Stromkonzerne noch provokante Frage „Strom Tauschen – Wo kommen wir denn da hin?“ beantwortete Matthias Nadrag, Geschäftsführer der W.I.R. Energie GmbH. in Klagenfurt recht überzeugend: „Wir haben mehr als acht MWp in ganz Österreich im PV-Contracting, sind der größte Betreiber von PV-Kraftwerken in Kärnten und haben mehr als 80 Kraftwerke im Betrieb. Und wir haben eine hundertprozentige Finanzierung über unser eigenes Crowdfunding-Portal und Erfahrung mit gemeinschaftlichen Erzeugungsanlagen nach §16a und schließlich haben wir Pilotprojekte für Energiegemeinschaften in Umsetzung“. Das zeigt einmal mehr, dass der Unternehmergeist der politischen Realität vorauseilt. Neben einem Fahrplan zur Gründung von Energiegemeinschaften – von der Teilnehmersuche bis zur Findung eines Abrechnungs-Dienstleisters – deponierte Nadrag vor allem seine Forderungen an das EAG, die ident sind mit jenen aller anderen Strompartnerschafts-Bewegten: „Erweiterte Anwendung der Erzeugungsanlage nach §16a, reduzierte Netztarife, Entfall von Abgaben, Demokratisierung von Strom-Erzeugung und -Verteilung sowie Empowerment“.

In allen derzeitigen Modellen müssen die Mitwirkenden alle Netztarife und Abgaben voll bezahlen und das auf allen Ebenen. Was die Sache nur in Ausnahmefällen wirtschaftlich auch nur halbwegs interessant macht und vom Bürgersinn alleine auf Dauer wohl nicht kompensiert werden wird.

Viel Engagement, wenig Gewinne und Einsparungen

Martin Auer, der oststeirische Photovoltaik-Pionier, der seine erste PV-Anlage bereits 2006 installiert hat, bestätigt denn auch in seinen Erkenntnissen zur „Smart Energy Community“ in der Klima-Energie-Region Almenland, dass sich die PV-Nutzung in der Gemeinschaft verdoppelt habe, indem der Eigenverbrauch von zuvor ca. 30 Prozent auf rund 60 Prozent in der Gemeinschaft gestiegen sei und die Interaktion und Vernetzung der TeilnehmerInnen elementar sei. Dafür müsse es aber Informationen und Hilfestellungen zur Energiegemeinschaft geben und das System müsse benutzerfreundlich und einfach sein. Aber: „Größere Gewinne, bzw. Einsparungen sind nicht zu erwarten“.

Weshalb er nicht nur die Umsetzung des EAG im ersten oder zweiten Quartal forderte, was sich wahrscheinlich nicht ausgehen wird, sondern vor allem „Klarheit über konkrete Einsparungseffekte für TeilnehmerInnen in EEGs und Kostenklarheit über die Dienstleistung der Messung, Abrechnung, etc. in Energiegemeinschaften“. So will Auer ganz konkret wissen, ob es auf der Netzebene 6/7 Einsparungen von etwa 50 Prozent geben werde und auf der Netzebene 5 von rund 30 Prozent.

Emanzipation vom Netzbetreiber

„Einfachheit, Emanzipation vom Netzbetreiber sowie Augenhöhe mit dem Netzbetreiber“ fordert Ulfert Höhne, Vorstand der OurPower Energiegenossenschaft SCE mbH (Wien), für die Regelungen von Energiegemeinschaften im EAG. „OurPower bietet als gemeinnutzorientierte Genossenschaft Infrastruktur und Online-Werkzeug für Offline-Action, eine soziale Innovation ohne technische Barriere, hat den Schwerpunkt seiner rund 100 Stromverkäufer bisher im Mühlviertel und sieht als Vision, die Energie radikal neu und gemeinsam zu denken“. Nicht umsonst nennt Höhne seine Überlegungen „BürgerInnen-Energie: Was soll denn das werden?“, was angesichts des ungewissen EAG durchaus nicht nur ironisch zu verstehen ist. Denn er macht auch klar, was für die Mehrzahl der zu erwartenden Lösungen zutreffen wird: „Den physischen Stromfluss kann ich ja nicht ändern, aber den Geldfluss“. Am Tag nach dem Energy Lunch startete OurPower zusammen mit Fronius die „Initiative Bürger*innen-Power“ zur Nachbesserung des EAG. Wofür noch viel Zeit bleiben dürfte.

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