Der Siphoniker

Siphons und Wasser-Abläufe sind das Universum des Christoph Schütz. Er ist Geschäftsführer der HL Hutterer & Lechner GmbH mit Sitz in Himberg. Gemeinsam mit rund hundert Mitarbeitern und kräftigen Spritzgussmaschinen macht er Sanitärteile zum gefragten Exportgut.

Im Herbst des Vorjahres wurde beim Familienunternehmen HL Hutterer & Lechner in Himberg südlich von Wien ein Neubau feierlich eröffnet. Auf 600 m² werden im HL-Haus Produkte und Lösungen für den perfekten Ablauf in allen Bereichen von Bauwerken präsentiert. Handwerker, Installateure und Planer sind eingeladen, sich ein Bild zu machen – zum Beispiel von edlen Designelementen und barrierefreien Design-Duschrinnen, die in vierzehn Duschkojen verbaut sind und mit Wasser bespielt werden können.

Bislang kamen vor allem ausländische Gäste, um sich bei HL schlau zu machen. Es sei nicht einfach, die heimischen Handwerker und Planer ins Haus zu kriegen, sagt HL-Chef Christoph Schütz. Dass sich russische und ungarische Sanitärplaner und Architekten schlau machen, passt aus zwei Gründen ganz gut: Erstens macht HL 63 Prozent seines Umsatzes im Ausland und zweitens wird im Haupt-Exportland Russland, wo HL inzwischen auch produziert, ganz anders an die Installation herangegangen. Es gibt keine Installateure, wie wir sie kennen, dafür werde sehr penibel geplant und die Montage übernehmen dann eigene Trupps, erklärt Schütz. Das sei auch mit ein Grund dafür, dass HL seit rund einem Jahr für 90 Prozent seiner Produkte BIM-Daten auf der Webpage hinterlegt hat. Genutzt werden die vor allem von ausländischen Planern; die Österreicher machen lieber einen Bogen um die digitalisierten Planungsdaten, weiß Schütz. Entsprechende Erfahrungen hat er eben auch bei der Vorbereitung zum Bau einer neuen Lagerhalle gemacht – sie wird jetzt konventionell geplant.

Gar nicht altmodisch sind dagegen die Spritzgussmaschinen, die pro Jahr aus rund 600 Tonnen Kunststoffgranulat jene Teile formen, die in so gut wie jedem Haus verbaut sind: Siphons, Abläufe für Waschmaschinen, Regensinkkästen und vieles mehr werden zunehmend in Zweikomponenten-Technologie gefertigt. HL-Mitarbeiter fertigen auch den Großteil der Spritzgussformen für die Produktion selbst. In der eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung mit angeschlossenem Labor tüfteln sechs Mitarbeiter ständig daran, dass die Produkte von HL ihrer Zeit immer einen Schritt voraus sind. In Summe gibt das Unternehmen knapp hundert Mitarbeitern Beschäftigung. Sie erwirtschafteten im Vorjahr einen Umsatz von 30 Millionen Euro. Dazu kommen noch die 153 Millionen Rubel (rd. 2 Mio. Euro), die die zehn HL-Kräfte mit der Fertigung in Moskau beisteuern. Für heuer sieht die Planung ein moderates Wachstum vor, große Sprünge seien nicht absehbar, so Schütz.

Es gehe auch nicht darum, rasant zu wachsen, vielmehr stünden auch am Standort Optimierungen an. Die neue Halle wird eine Betonkernaktivierung und Photovoltaik erhalten. Und es wird geprüft, ob es sich nicht lohnen könnte, die Abwärme des Maschinenparks für Heizzwecke zu nutzen. Eine gewisse Rolle spielt im Gesamtkonzept auch der sogenannte „Kalte Gang“, der durch das Firmengelände fließt. Dieser klare Bach entspringt nahe Ebreichsdorf einer Quelle und hat fast ganzjährig eine konstant niedrige Wassertemperatur. Die wird bei HL schon länger für die Kühlung der Maschinen eingesetzt.

Building Times: Hr. Schütz, Ihr Unternehmen gibt es seit mehr als 60 Jahren. Gibt es im aktuellen Portfolio noch Produkte aus der Gründungsphase? Schütz: Nein. Wir haben 1950 begonnen, damals wurden Siphons und Abläufe in Blei produziert. Das hat sich Anfang der 60er-Jahre schlagartig geändert. Wir haben vor rund 13 Jahren die letzten Bleiteile ausgeliefert.

Building Times: Sie produzieren mit Ihrem Unternehmen viele Kleinteile, ohne die es beim Installieren von Waschbecken, WC & Co nicht geht. Erhalten Sie oft Kaufangebote für Ihr Unternehmen? Schütz: Ja, natürlich. Vornehmlich nach dem Jahresabschluss, wenn die Bilanz veröffentlicht ist. Dann kommen meist über deutsche Kanzleien Anfragen. Wir wissen nicht, wer dahinter steht. Es ehrt uns immer, wenn wir so etwas erhalten, aber reagiert haben wir noch nie darauf.

Building Times: Sie sind seit nunmehr fünf Jahren Alleingeschäftsführer. Was hat sich seither bei HL getan? Schütz: Ich bin zwar Alleingeschäftsführer, die Gesellschafter des Unternehmens sind aber meine Eltern. Meine Mutter ist vor sechs Jahren aus gesundheitlichen Gründen aus dem Unternehmen ausgeschieden. Für die operative Führung habe ich jedoch auch noch zwei Prokuristen für die Betriebsleitung und die Verkaufsleitung an meiner Seite. Wir teilen uns die Agenden, da man nicht alles alleine machen kann.

Building Times: Das heißt, Sie haben gemeinsam verändert? Schütz: Ja, wir haben ausgebaut, das HL-Haus zum Beispiel.

Building Times: Wird das Angebot von den Installationsbetrieben schon entsprechend angenommen? Schütz: Noch nicht so, wie wir uns das wünschen. Ausländische Delegationen kommen viele und gern. Die österreichischen Installateure zu bewegen, ist nicht so einfach. Vielleicht ist unser Angebot auch noch nicht ausreichend bekannt.

Building Times: Was hat sich technologisch in der Fertigung getan? Schütz: Wir gehen seit rund sechs Jahren konsequent in Richtung Zweikomponenten-Spritzguss-Technologie.

Building Times: Wie hat sich der Umsatz in diesem Zeitraum entwickelt? Schütz: Durchweg positiv, in Summe rund 25 Prozent. Auch letztes Jahr haben wir eine schöne Steigerung erzielt.

Building Times: Im Inland oder im Ausland? Schütz: Hierzulande auch, der Großteil der Zuwächse stammt aber aus dem Ausland.

Building Times: Speziell in Osteuropa? Schütz: Ja, Osteuropa ist gut gelaufen, aber auch Deutschland und Italien und einige weitere Destinationen. Der einzige Ausreißer war die Türkei, wo es einen starken Rückgang gab.

Building Times: Sie fertigen auch in Russland. Wie geht es Ihnen dort? Schütz: Wir haben dort eine kleine Fertigung mit zehn Mitarbeitern und machen damit 153 Millionen Rubel. Das sind rund zwei Millionen Euro.

Building Times: Ist es nicht sehr schwierig, in Russland zu produzieren? Schütz: Ich denke ja, wenn man keinen Zugang zum Markt hat. Für uns ist es nicht besonders schwierig, da wir schon seit 1996 dort tätig sind.

Building Times: Wie kommt ein KMU aus Himberg bei Wien nach Russland? Schütz: Das hat meine Mutter begonnen. Sie hat in der tiefsten Wirtschaftskrise, in der sich kaum jemand nach Russland getraut hat, einen ersten Schritt gewagt. Wir hatten das Glück, dass sich sehr bald ein großer Sanitärgroßhändler als Generalimporteur gefunden hat. Dann haben wir einen ersten technischen Mitarbeiter aufgenommen und sind im Lauf der Jahre gewachsen.

Building Times: Braucht man dazu unbedingt eine Fertigung? Schütz: Durch die politische Situation mit den Sanktionen haben wir uns dazu entschlossen, dort auch zu produzieren. Dadurch konnten wir im Markt bestehen, einige Mitbewerber sind dagegen sehr eingeschränkt.

Building Times: Sind dort auch die großen Hersteller aus Europa präsent? Schütz: Ja, es sind einige präsent. Es gibt jedoch auch lokale Produzenten.

Building Times: Wer sind Ihre Hauptkunden? Beliefern Sie mit Ihren Produkten ausschließlich den Großhandel oder auch Hersteller von Waschtischen, Badewannen & Co? Schütz: Prinzipiell liefern wir in ganz Europa dreistufig über den Sanitärgroßhandel. Ausnahme sind Produkte, die Hersteller in ihren Geräten verbauen. Das sind zum Beispiel Teile für Kondensat-Siphons in Klimageräten oder Ähnliches. Das sind eher versteckte Teile.

Building Times: Wenn Sie viel Geschäft in Russland machen, wie hoch ist dann der Anteil des Umsatzes, der im Ausland erzielt wird? Schütz: Das sind 63 Prozent.

Building Times: Das heißt, der Export dominiert. Schütz: Ja, aber das ist schon lange so. Die größten Märkte sind Russland, Deutschland und Ungarn.

Building Times: Vieles, was früher und heute vor der Wand installiert wird, wandert zunehmend hinter die Wand. Verändert das Ihre Produkte? Schütz: Ja, absolut. Der Trend ist mit dem Trockenausbau gekommen. Wir haben erkannt, dass eine hohle Wand ein verlorener Platz ist und dass es natürlich Sinn macht, die Produkte dahinter zu verstecken. Wir gehen diesen Weg der Hinterwandinstallation relativ konsequent, zum Beispiel mit unseren Kondensat-Siphons, Waschmaschinen-Siphons oder Rohrbelüftern.

Building Times: Die Installateure wollen möglichst einfache Materialien verarbeiten. Lassen sich Siphons und Abläufe überhaupt noch optimieren? Schütz: Ja, absolut. Es geht weniger um das Optimieren, vielmehr um die Anpassung an die Bautechnik. Produkte für den Trockenbau müssen einfach anders beschaffen sein als solche, die eingemauert werden. Auch bei der Feuchtigkeitsabdichtung von Duschen hat sich viel getan. Bodenebene Duschen gab es vor zehn Jahren so gut wie gar nicht, heute sind sie sehr üblich. Eine Ablaufschiene oder der Punktablauf sind dabei die neuralgischen Punkte, bei denen Schäden entstehen können. Auch bei den Dachabläufen hat sich viel getan. Das früher nur bei Hallen übliche Flachdach ist heute besonders in Ostösterreich im Wohnbau sehr üblich. Dafür braucht es die richtigen Produkte.

Building Times: Gibt es bei Ihnen im Haus Ideen, den eigenen Produkthorizont Richtung Gesamtlösung zu erweitern? Vielleicht hin zu ganzen Duschen oder Bädern? Schütz: Nein, wir fokussieren uns weiterhin auf das, was wir können. Die Siphonierung und Ableitung BIM ist für das mittlere Unternehmen ein großes Thema – weil es in Russland notwendig ist von Abwässern ist unsere Spezialität, und das ist auch ein umfangreiches Betätigungsfeld. Wir wollen auch bewusst einen Kontrapunkt zu anderen Marktbegleitern setzen. Eine Generalisierung ist auch aufgrund unserer Größe nicht möglich.

Building Times: Das Bauen wird immer mehr auch zur baubiologischen Leistungsschau. Gibt es Produkte und Rohstoffe, die bei Ihnen deshalb nicht mehr nachgefragt oder produziert werden? Schütz: Unsere Produkte sind so aufgebaut, dass die hochbeanspruchten und sichtbaren Teile aus Edelstahl sind. Die hinter der Wand eingebauten Teile sind aus Kunststoff. Der ist einfach zu bearbeiten und extrem nachhaltig, weil er ewig dicht ist.

Building Times: Aber Begriffe wie Rückbau und Recycling stehen trotzdem im Raum, oder nicht? Schütz: Der Rückbau sollte erst in Jahrzehnten stattfinden. Bis dahin leistet der Kunststoff sehr viel. Und darum geht es letztlich: Die technischen Stärken eines Materials möglichst gut zu nutzen. Ich sehe Kunststoff in dieser Hinsicht überhaupt nicht als problematisch an. Im Gegenteil, die Vorteile überwiegen, weil das Produkt nicht verrottet.

Building Times: Ist in Standardsiphons noch PVC enthalten? Schütz: Nein. Wir verarbeiten kaum noch PVC, der Anteil liegt unter drei Prozent.

Building Times: Die Duschrinne ist sehr modern geworden. Geht das Produkt inzwischen auch in den geförderten Wohnbau? Schütz: Nein, eher nicht. Dort werden aus Kostengründen eher Punktabläufe installiert.

Building Times: Sie haben in Ihrem Schauraum viele Duschen eingebaut. Einen Wandablauf haben sie nicht. Warum? Schütz: Wir sind der Meinung, dass diese Art des Ablaufs nicht sinnvoll ist, und machen das daher nicht. Bei allen unseren Systemen ist ein Zugang zur Ablaufleitung möglich.

Building Times: Der Holzbau gewinnt an Bedeutung. Haben Sie dafür spezielle Lösungen oder ist das ein Segment, das Sie nicht tangiert? Schütz: Wir haben Produkte für die Trockenbauwand und Estrich-Böden. Für Holzkonstruktionen im Boden haben wir keine speziellen Lösungen.

Building Times: Wird das nicht verlangt? Schütz: Zu wenig. Wir orten auch keine Nachfrage von Installateuren. Und wenn, dann aus Nordost-Europa, aus Österreich so gut wie gar nicht.

Building Times: Hätten Sie da etwas in der Schublade? Schütz: Nein. Wir sind sehr hellhörig auf neue Entwicklungen, da hören wir zum Thema Holz aber nichts.

Building Times: Unterscheiden sich die Produkte für Russland von jenen in Österreich? Schütz: Nein. Wir verwenden den gleichen Katalog mit den gleichen Produkten.

Building Times: Und wie sind die Installateure dort aufgestellt? Schütz: Diesen Beruf gibt es dort gar nicht. Darum ist die Planung umso wichtiger. Man kann Sanitärplanung und Abwassertechnik studieren, und diese Leute arbeiten mit CAD meist in 3D und planen ein Projekt bis ins letzte Detail. Die Installation erledigen dann Monteure. Spannend ist, dass die Ausführungen gar nicht so übel sind.

Building Times: Das heißt, die detaillierte Planung wirkt? Schütz: Sie hat Vor- und Nachteile.

Building Times: Ist BIM für Sie ein Thema? Schütz: Ja, sehr sogar. BIM ist in Russland seit heuer für staatliche Aufträge Pflicht. Wir haben seit rund einem Jahr auf unserer Website für etwa 90 Prozent unserer Produkte die BIM-Daten zum Download hinterlegt. Diese sind für Revit nutzbar, weil diese Software im Ausland weit verbreitet ist. In Österreich läuft BIM unserer Wahrnehmung nach sehr zäh an. Für Österreich hat sich der Aufwand nicht gelohnt.

Building Times: Sehen Sie da keine Bewegung? Schütz: Kaum. Wir planen gerade eine neue Lagerhalle, und ich habe im Vorgespräch dazu das Thema BIM-Planung angesprochen. Da war es sehr schnell sehr ruhig, und man hat gemerkt, dass es dem Entwickler lieber ist, wenn ohne BIM geplant wird. Man darf aber auch nicht verschweigen, dass eine richtig gemachte BIM-Planung teurer ist als eine konventionelle. Aber der Bauherr hat ja hinterher den Nutzen. Das sollte eigentlich vermarktbar sein.

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