Wal mit Alu-Schuppen

Im Süden von Paris ist vor kurzem ein Technologie-Center der öffentlichen Nahverkehrsgesellschaft RATP in Betrieb gegangen, das keine Ecken hat und mit 20.000 Aluminium-Schindeln aus Österreich umkleidet ist.

Das „Tech Center RATP“ in Bagneux am Südrand von Paris fällt in jedem Fall auf – und das ist so gewollt. Das neue Technologie-Center der staatlichen Nahverkehrsgesellschaft RATP (Régie autonome des transports Parisiens), die pro Jahr rund drei Milliarden Fahrgäste im Großraum Paris befördert, „sollte durch eine spezifische Architektursprache eine eigene visuelle Identität erhalten. Die Fassade ist von der Ästhetik des Pixels inspiriert, dessen Durchdringungen über die Stellung der Fenster und Öffnungen nach außen informieren“, erläutert das Pariser Architekturbüro Silvio d’Ascia seinen Entwurf und ergänzt: „Das reflektierende Material der Außenhaut macht es dem Gebäude möglich, als Juwel in seiner industriellen Umgebung zu wirken.“

Nun, diese Außenhaut besteht aus rund 20.000 Aluminium-Schindeln von Prefa aus dem niederösterreichischen Marktl bei Lilienfeld, und die „spezifische Architektursprache“ bedeutet unter anderem, dass es keine Ecken, sondern nur runde Verläufe gibt. Was dem 14,5 Millionen teuren Technologie-Center das Aussehen eines Wals mit Schuppen verleiht, oder auch an einen überdimensionierten amerikanischen Wohnwagen, einen viel zu groß geratenen Greyhound-Bus oder an einen U-Bahn-Waggon erinnert.

Jedenfalls vermittelt der Bau Dynamik und besticht durch seine exakte horizontale Fassaden-Gliederung. „Bei unserem Bau ging es um die Neuinterpretation der Gestalt, weg von der eckigen Kiste, hin zu einer zeitgenössischen Formensprache“, beschreibt die verantwortliche Architektin Cristie Blazkowski ihren Entwurf. Kennengelernt hat sie die Dach- und Wandschindeln von Prefa auf einer Messe und dann intensiv über das Projekt diskutiert. Referenzprojekte hätten sie schließlich überzeugt, wird sie von Prefa zitiert.

Naturgemäß waren die runden Formen bzw. die abgerundeten Ecken eine besondere Herausforderung für die verarbeitende Fassaden- und Dachfirma Raimond SAS aus der Nähe von Nantes. Neun Monate haben deren Monteure in minutiöser Kleinarbeit die Alu-Platten/-Schindeln verlegt. „Wir mussten vorab viele Berechnungen anstellen, um die Platten aufeinander abzustimmen. Da die Seiten abgerundet sind, musste alles genau zusammenpassen, damit letztlich ein harmonisches Ganzes entsteht“, erklärte Ronan Lelièvre von Raimond. Um die vier „Kuppeln“ an den Gebäudeecken zu realisieren, wurde jede einzelne Schindel millimetergenau kalkuliert und zugeschnitten. 42 Reihen wurden solcherart im Raimond-Werk vorbereitet, jedes Stück nummeriert und auf der Baustelle nach Plan verlegt.

„Bemerkenswert an diesem Projekt ist auch die Tatsache, dass sich das Dach perfekt an der Fassade ausrichtet, sodass es keine Übergänge oder Spalten gibt. Die Winkel sind ebenfalls abgerundet, wodurch sich eine doppelte Krümmung an allen vier Ecken ergibt“, erläutert Lelièvre. Dieser Riesen-Wohnwagen ist zum Stehen und Bleiben gekommen – und bewegt sich doch.

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