Schweißer & Trendscouts

Viessmann in Berlin offeriert Besuchern zwei völlig konträre Welten. In der Kesselfertigung erlebt man die Industrie alter Schule. Hip, digital und weltoffen präsentiert sich dagegen die Marketing- und Innovationsplattform VCO.

Stanzen, schweißen, bohren, fräsen und schleifen. Der Alltag im Viessmann-Werk Mittenwalde nahe Berlin ist geprägt von industrieller Arbeit alter Prägung. Die Hallen sind voll mit Eisen, Kränen, Schweißrobotern und Staplern. All das brauchen die 340 Mitarbeiter zur Fertigung der Dampf- und Heißwasserkessel, die weltweit zum Einsatz kommen. In Mittenwalde werden Großkessel mit einer Leistung bis zu 25 MW gefertigt. Diese großen Brummer mit einem Durchmesser von bis zu 4,5 Meter kommen in Nah- und Fernwärmeunternehmen ebenso zum Einsatz wie in Brauereien und einer Reihe von Industriesparten. Dampf wird in der Papierindustrie ebenso benötigt wie in der Pharmaindustrie und der Textilindustrie.

Pro Jahr fertigen die 120 Schweizer und ihre Kollegen zwischen 400 und 500 Kessel, wovon immerhin 20 bis 25 ihren Weg nach Österreich finden. Die Kessel heben sich durch die wassergeführte Brennerdurchführung von jenen des Mitbewerbs ab. Und von einer hohen Qualität der Schweißnähte, wie Reinhard Thurmaier, Österreich-Prokurist für Großkessel, erklärt. Er versteht sich als Kessel-Generalunternehmer. „Wir verkaufen kein Blech, sondern Anlagen inklusiver Verfahrenstechnik und Schaltschrank“, so der Manager. Er freut sich gerade darüber, dass in Graz-Werndorf drei 33 MW-Kessel verbaut werden, die dort die fehlende Wärme aus dem GuD-Gaskraftwerk Mellach ersetzen.

Noch größere Kessel mit einer Leistung bis zu 110 MW werden in Holland gefertigt. Und wenn weniger Leistung gefragt ist, steht direkt in Berlin noch ein weiteres Werk bereit. Die dortige Fabrik zählt rund 400 Beschäftigte, 40 davon sind mit dem Entwickeln neuer Produkte befasst. Derzeit werden neue Brennertypen gebaut und geprüft, um künftig kleinere Brennerräume zu konzipieren. Eines der neueren Produkte ist der Brennwertkessel Vitocrossal. Im Vorjahr wurden davon 2.500 Stück gebaut, heuer werden es rund 7.500 sein, wie Werksleiter Lutz Lehmann erklärt. Den Kessel gibt es in einer Leistung zwischen 87 und 1400 kW. Alle Modelle gemeinsam haben den Wärmetauscher aus Edelstahl. Im Werk Berlin werden täglich 70 bis 100 Kessel ausgeliefert. Ein Teil davon sind Heizwertkessel mit Leistungen zwischen 300 kW und 2 MW, wovon viele nach Osteuropa gehen. Auch die USA werden vom Werk in der Kanalstraße mit Kesseln versorgt. Auffallend an den beiden Berliner Standorten ist der industrielle Charakter, die hohe Fertigungstiefe und der relativ große Anteil an Handarbeit. Der Stahl für die Kessel kommt an einem Ende der Fabrik in Platten an und verlässt am Ende nicht selten als Einzelstück das Werk.

 

Der digitale Gegenpol

Nur wenige Kilometer vom Werk Berlin entfernt, in der berühmten Friedrichstraße, widmet sich die Viessmann-Crew in hippem Ambiente ganz anderen Themen. Dort ist der Sitz der Einheit VCO, die sich den Herausforderungen Digitalisierung und neue Lebenswelten widmet. Etwa die Häfte der 180 Mitarbeiter gehören zur Abteilung Marketing, die von der Hauptstadt aus den globalen Auftritt und das Produktdesign von Viessmann steuert. Weiters ist hier das Produktmanagement für digitale Produkte angesiedelt. „Wir tragen die Digitalität ins Kerngeschäft“, erklärt dazu der Head of Venture-Development VCO, Florian Fehr. Er und seine Kollegen haben die Freiheit, Trends aufzuspüren und Dinge zu „triggern“, wie man es in Berlin nennt, wenn etwas angestoßen oder ausgelöst werden soll.

Bei manchen Dingen, die sich die „Jungen Wilden von Viessmann“ ausdenken, spielt der klassische Heizkessel gar keine Rolle. Das intelligente Hausservice „Cary“ etwa ist für technikfreundliche Menschen gedacht, die gerne Alltagsarbeiten auslagern. Ein Nuki-Schließzylinder ermöglicht Dienstleistern den Zugang zur Wohnung, wo dann sauber gemacht, die Wäsche abgeholt oder der Kühlschrank gefüllt wird. Bei Bedarf wird auch die Vermietung der Wohnung über Airbnb mit angeboten. Dieses Facility Management für Kleine läuft seit sechs Monaten im Testbetrieb. Sollte es sich bewähren, denkt man über einen Outroll nach, sonst verschwindet die Idee in der Lade.

Ähnliches gilt für das Wärmeangebot von Viessmann, das für eine monatliche Rate Wärme bereitstellt, ohne dass der Hauseigentümer einen Kessel kauft. 25 Kunden in Greifswald sind derzeit an Bord, ob es eines Tages Zehntausende werden, hängt von vielen Faktoren ab.

Manche davon sind bekannt, andere weiß niemand genau, denn die Erfahrungen aus der Vergangenheit beeindrucken VCOler nicht wirklich. „Nur weil es die Stadtwerke nicht geschafft haben, lasse ich mich nicht abschrecken“, betont Fehr.
Ein Ende des Weges von VCO und Viessmann ist derzeit nicht absehbar. Fest steht, dass die Trendscouts des Heizungsriesen demnächst in ein fünfstöckiges Gebäude übersiedeln, wo sie mit anderen eingemieteten Start-ups weiter an der digitalen Zukunft feilen. Es ist davon auszugehen, dass einzelne Entwicklungen technischer Natur schon ziemlich reif sind. Gut möglich ist, dass die eine oder andere Innovation auf der ISH präsentiert wird. Am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, wie es sich für ein traditionsreiches Familienunternehmen eben gehört.

Denn bei aller Liebe zum Digitalen braucht es am Ende immer noch einen Installateur, der die Heizgeräte verbaut.

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