Schrumpfende Smartness

Die konkreten Planungen für den Kern der Smart City Graz wurden jetzt vorgestellt. Gemessen an den ursprünglichen Ansprüchen, ist wenig Smartness enthalten. Der Grazer Bürgermeister spricht inzwischen von einer „Bahnhofcity“.

Wenn man keine besonderen Ansprüche an eine „Smart City“ stellt, dann geht die Bebauung des Baufeldes Mitte auf der Waagner-Biro-Industriebrache in Graz locker als „smart“ durch. Es gibt immerhin eine europaweite Definition, wonach alle Städte und Regionen, die über eine geordnete Müllentsorgung verfügen, „smart“ sind. Oder dass bereits 3,5 Millionen Menschen in Österreich in „smarten“ Regionen leben, wie Theresia Vogel, die Geschäftsführerin des heimischen Klima- und Energiefonds, nicht müde wird zu erklären. Nimmt man die von der Stadt Graz jahrelang getrommelten Vorstellungen für die Smart City Graz als Maßstab, dann bleibt von der Smartness kaum mehr etwas übrig.

„Mit dem jetzt vorliegenden Projekt beginnt das Herz des smarten Stadtteils zu schlagen, in dem rund 3.800 Menschen wohnen und weitere 1.700 arbeiten werden“, meinte Stadtbaudirektor Bertram Werle bei der Präsentation im Grazer Rathaus. Die Stadt verstehe sich als Partner der privaten Investoren, gemeinsam entwickle man eine „Stadt der kurzen Wege“, die alle Bedürfnisse des täglichen Lebens möglichst in fußläufiger Entfernung anbiete. Dass Werle die Begeisterung der letzten Jahre perpetuiert, deckt sich allerdings nicht mit der Realität.

Besonders stolz sind die Verantwortlichen der Stadt auf das hier angewandte „Kooperative Baukünstlerische Verfahren“. Das wurde mit den Gewinnern des vorangegangenen städtebaulichen Wettbewerbs durchgeführt, also der Arge Nussmüller Architekten, Hohensinn Architektur und Lorenz + Partner. „Die nachfolgenden behördlichen Schritte wurden in Rekordzeit absolviert: Zwischen dem Abschluss des Kooperativen Verfahrens im Juli bis zur Baueinreichung im Oktober lagen gerade vier Monate“, zeigt sich die Stadtverwaltung glücklich.

Naturgemäß sind auch die Architekten mit dem Verfahren zufrieden, vor allem mit der Kürze der Behördenlaufzeit, wie sowohl Josef Hohensinn als auch Stefan Nussmüller gegenüber Building Times bestätigen. „Wir haben das Gesamtvorhaben gedrittelt, und jedes Büro hat seinen Teil geplant“, erklärt Senior Werner Nussmüller. Und Josef Hohensinn ergänzt, es sei eine sehr angenehme Zusammenarbeit gewesen. Die Einreichplanung dürfte aber auch schon alles gewesen sein für die Architekten, obwohl sie verständlicherweise gerne auch die Ausführungsplanung gemacht hätten. Bisher wurden Sie aber nicht einmal danach gefragt und rechnen auch nicht mehr damit. Ab jetzt hat nämlich der Investor das Sagen.

Der heißt Andreas Kern und ist Geschäftsführer der KS Group, die ihm zusammen mit dem zweiten Geschäftsführer Robert Sommersguter je zur Hälfte gehört. „Wir haben vor zwei Jahren ein Angebot für das Grundstück an die AVL gelegt und letztlich den Zuschlag bekommen“, erklärt Kern gegenüber Building Times und erläutert sein Projekt nüchtern und jenseits aller städtischen Euphorie: „Wir haben hier ca. 55.000 Quadratmeter zu bebauen, das wird bei durchschnittlichen Errichtungskosten von rund 2.000 Euro pro Quadratmeter in Summe rund 110 Millionen Euro bis 120 Millionen Euro kosten“, erklärt er. Wobei die reinen Baukosten mit etwa 80 Millionen Euro veranschlagt sind.

Im ersten Bauabschnitt wird ein Büro-Objekt für die Forschungsabteilung der AVL errichtet sowie ein großer Wohnbau mit rund 300 Wohnungen, wofür die KS die Detailplanung selbst macht. Dann folgen mit ein paar Monaten Verzögerung die beiden weiteren Objekte: Nämlich ein Bürobau und ein „Würfel“ mit Mischnutzung, wozu auch ein Business-Hotel gehören soll. „Dafür steht die Ausführung der Detailplanung noch nicht fest“, so Kern.

Energietechnisch wird das Baufeld Mitte der Smart City Graz, die Bürgermeister Siegfried Nagl bei der Präsentation sehr zur Verblüffung der Architekten als „Bahnhofcity“ bezeichnete, keine neuen Wege beschreiten: Zwei Entnahme-Brunnen für Sole-Wasser-Wärmepumpen, die auf zwei Megawatt Leistung ausgelegt werden, sowie ein weiter Brunnen zur Wasser-Rückführung und eine Photovoltaik-Anlage, bei der KS-Geschäftsführer Andreas Kern gegenüber Building Times bereits bremst: „Die PV-Anlage müssen wir punktgenau schaffen, weil die Einspeisetarife so schlecht sind, denn eine  Stromspeicherung wird es nicht geben, die ist viel zu teuer.“ Nun, diese Aufgabe wird das Technische Büro für Elektrotechnik Auer & Ofenluger (Weiz) zu lösen haben oder auch das Technische Büro Lauer-Pelzl-Stadlhofer Ges.m.b.H. (Kindberg), das mit der HKLS-Planung beauftragt wurde. Zumindest im AVL-Gebäude und in den Wohnbereichen werde es eine Fußbodenheizung geben, sonst klassische Konvektoren. Spitzenlasten sollen mittels Fernwärme abgedeckt werden und eine Kühlung soll es zumindest in den Wohnbereichen geben. Für den Innenhof des großen Wohnblocks ist an eine adiabatische Kühlung gedacht, die diesen um fünf bis acht Grad abkühlen und Feinstaub binden soll. Aber generell gilt: „Für Experimente ist das Projekt einfach zu groß“, ist Kern realistisch und ergänzt: „Ich bin kein Fan von Prototypen, da muss man oft nachbessern oder erlebt eventuell sogar einen wirtschaftlichen Totalausfall.“

So erklärt es sich wohl auch, dass die von der Stadt jahrelang mit großem Pomp angekündigte Energiezentrale out ist. „Die war nicht mehr gegenständlich, als wir in das Projekt eingestiegen sind“, erklärt der Projektentwickler. Dementsprechend ist auch keine Rede mehr von dem ebenfalls jahrelang getrommelten Anergienetz. Und das ursprünglich einmal überlegte Aufwindkraftwerk versank vor geraumer Zeit in den technischen Annalen. Mindestens so bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Hohensinn und Nussmüller ausgewiesene Experten im Holz-Massivbau sind. Sie haben bislang in Graz eine ganze Reihe von – teilweise preisgekrönten – Holzbauten realisiert. Ausgerechnet in der sogenannten Smart City spielt nun der Holzbau aber keinerlei Rolle. Es wird durchweg mineralisch gebaut, also in Beton.

Ein vermeintlich „smartes“ Atout hat die Stadt aber dennoch im Köcher: Die digitale Plattform des Quartier-Management-Systems (QMS) soll dafür sorgen, dass Bewohner, Mitarbeiter der ansässigen Firmen und Gäste von Veranstaltungen alle lokal verfügbaren Dienste einheitlich und unkompliziert abrufen können: „Mietverträge,  Betriebskostenabrechnungen, Taxibestellungen, Tiefgaragen-Stellplätze, Reservierungen von E-Autos, Lastenfahrräder oder die Belegung von Sozialräumen werden ebenso wie die Abfahrtszeiten der Straßenbahn (2021) über einen einzigen Plattformzugang, aber über mehrere Medien veröffentlicht“, wirft sich die Stadt in die Brust. Nett, wenn Datenschützer mitspielen. Die vom Bürgermeister verwendete Bezeichnung „Bahnhofcity“ kommt nicht von ungefähr, liegt das zu bebauende Areal doch zwischen den Geleisen der Südbahn und der Waagner-Biro-Straße, also fast direkt an der Rückseite des Grazer Hauptbahnhofs. Was wiederum die Schwierigkeiten des Bauplatzes deutlich macht: Zur Lärmminderung muss entlang der Bahnstrecke ein hoher Lärmschutzdamm aufgeschüttet werden. Das auch, weil nach der Fertigstellung der Koralmstrecke von der Bahn eine erhöhte Zugfrequenz erhofft wird. Dann könnte es im geplanten Nikolaus-Harnoncourt-Park, der 11,1 Hektar groß und 2022 fertiggestellt werden soll, ungemütlich werden. Angestrebt werden in den Gebäude nichtsdestotrotz Zertifizierungen nach klimaaktiv Gold und ÖGNI Platin.

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