NACHHALTIGKEIT: (K)EINE FRAGE DES MATERIALS

Holz, Beton oder Ziegel: Jeder dieser drei Baustoffe hat seine Vor- und Nachteile, was die Nachhaltigkeit betrifft.

²²Fünfzig Prozent des gesamten Ressourcenverbrauchs und vierzig Prozent des Energieverbrauchs werden in der Europäischen Union durch den Bausektor verursacht. Das alleine zeigt das Potenzial, was nachhaltiges Bauen für die Ökologie leisten kann.

Welcher Baustoff aber nun der ökologisch beste ist, wird in der Branche kontrovers diskutiert. Auch eine Studie, die Austrian Cooperative Research im Jahr 2014 im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie durchgeführt hat, brachte keine Klarheit. Keine Gebäudevariante schneidet bei allen Öko-Indikatoren besser ab als die anderen, und das Nutzerverhalten ist laut der Studie wichtiger als die Entscheidung für den Gebäudetyp.

Beton besser als sein Ruf

Beton hatte lange nicht den Ruf, ein nachhaltiger Baustoff zu sein. Doch schon seit Jahrzehnten wird daran geforscht, diesen Baustoff umweltfreundlicher zu machen.

„Wir forschen an dem Thema Nachhaltigkeit seit 2004. Wir haben viel investiert. Bei der Produktion von Zement gehören wir heute zu den Effizientesten der Welt“, erklärt Sebastian Spaun, Geschäftsführer der Vereinigung der österreichischen Zementindustrie. Aber natürlich benötige das Brennen von Zement bei 1400 Grad viel Energie. „80 Prozent der benötigten Energie kommt aber von erneuerbaren Energiequellen“, so Spaun, der auch den hohen Sandverbrauch bei der Betonherstellung nicht als ein großes Problem ansieht. „Die Sandknappheit ist in Österreich und Mitteleuropa kein Thema“, erklärt Spaun.

Besonders während des Lebenszyklus eines Gebäudes kann der Baustoff Beton seine Stärken ausspielen, nämlich seine Wärmespeicherkraft, die vor allem bei der thermischen Bauteilaktivierung ausgenutzt wird. Dabei werden in Betondecken oder auch -wänden Rohre verlegt, durch die das Haus geheizt oder gekühlt werden kann. Dabei kann auch Überschussenergie aus Windkraftwerken genutzt werden. Ist gerade viel Windstrom in den Netzen, werden die Gebäudeteile mit einer Wärmepumpe aufgeheizt, bei Flauten bleibt das Haus durch die Restwärme der Betonteile tagelang warm. Die Stromheizung benötigt somit, bis auf die wenigen langen Flautezeiten im Jahr, ausschließlich erneuerbare Energie.

Auch beim Thema Recycling sieht Spaun den Beton im Vorteil. „Beton ist der einzige Baustoff, der zu 100 Prozent recyclebar ist.“ Recyclingbeton wird etwa beim Straßenbau eingesetzt.

Ziegel als Klassiker

Recyclebar ist aber auch der Baustoff Ziegel. „Es gibt unterschiedliche Einsatzgebiete für Ziegelbruch“, erzählt Mario Kubista, Leiter Produktentwicklung und Anwendungstechnik bei Wienerberger. Zum Beispiel wird er bei der Zementproduktion oder als Granulat für Begrünungsflächen eingesetzt. Auch als Belag für Parkplätze oder für Tennisplätze findet der Ziegelbruch Verwendung. Kubista sieht den Ziegel auch punkto Lebensdauer sehr gut aufgestellt. „Wienerberger feiert in Kürze 200-jähriges Jubiläum, und die ersten Produkte stehen heute noch“, erklärt Kubista, der auch auf die Ringstraßenbauten und die zahlreichen Zinshäuser in Wien verweist, die nach über hundert Jahren noch immer das Stadtbild prägen. „Es gibt wenige so alte Gebäude, die noch stehen, die nicht mit Ziegel gebaut worden sind“, argumentiert Kubista. Der Rohstoff für den Baustoff steht zudem unbegrenzt zur Verfügung. „Man nimmt der Erde nichts weg, denn Ton ist ohne Grenzen vorhanden“, erklärt Kubista. Auch bei der Dämmeigenschaft von Ziegeln ist in der Vergangenheit viel weitergebracht worden. „Mit Großformatziegeln, deren Löcher mit Mineralwolle gefüllt sind, konnten die Wärmedämmeigenschaften stark erhöht werden“, erzählt der Ingenieur.

Allerdings ist man mit dem Baustoff Ziegel eingeschränkt, was die Höhe der Gebäude anbelangt. „Wenn der Ziegel die Tragfähigkeit übernimmt, dann sind fünf oder sechs Stockwerke bei einem üblichen Grundriss das Limit“, so Kubista. Die Tragfähigkeit kann aber auch ein Stahlbetonskelett übernehmen, was dem Bau in die Höhe keine Grenzen setzt. In Österreich ist diese Bauweise selten, öfters werde sie in Ländern wie Polen oder Russland eingesetzt, wie Kubista erklärt.

Nachwachsender Baustoff

Der Baustoff Holz wächst auf natürliche Weise nach. Ein USP, der sich naturgemäß positiv auf die Nachhaltigkeit auswirkt. Zudem bindet Holz im Wachstumsprozess eine Menge CO² aus der Luft.„Ein Kubikmeter Holz bindet eine Tonne CO²-Äquivalent“, erklärt Dieter Lechner vom Fachverband Holzindustrie der Wirtschaftskammer Österreich. Ein weiterer Vorteil des Baustoffes Holz ist der geringere Aufwand bei der Vorfertigung. „Werden die Bauteile im Werk vorgefertigt, reduziert das auch den Lärm auf der Baustelle“, so Lechner. Kritisch werden oft die Transportwege der importierten Hölzer gesehen. Lechner sieht diesen Kritikpunkt aber als nicht berechtigt an: „Es gibt keine Hölzer im Holzbau, die durch die Welt fahren, wie oft behauptet wird.“ Fast alle Importe würden aus den Nachbarländern kommen. Ein Sägewerk habe zudem einen Einzugsbereich von durchschnittlich 150 Kilometern, argumentiert er.

Lechner sieht auch während der Nutzung keinen Nachteil beim Baustoff Holz. „In der Nutzungsphase ist der Unterschied bei den verschiedenen Baustoffen gering“, erklärt er. Wichtiger, um den Betrieb eines Gebäudes nachhaltig zu gestalten, seien hingegen Beschattungsmaßnahmen, die Art des Heizsystems, das Nutzerverhalten, städte- und raumplanerische Aspekte und die Gebäudeorientierung, unabhängig vom Baustoff. Der Baustoff Holz findet laut Lechner auch immer mehr in den Städten Verwendung: „In den vergangenen Jahren hat sich viel beim Brand-, Schall- und Wärmeschutz getan. Das macht die Holzbauweise auch für Städte attraktiver.“ In Deutschland oder Skandinavien sei ein Holzboom in den Ballungszentren zu beobachten. Für mehrgeschossige Gebäude wird meist Holz mit Beton kombiniert. „Holz-Beton-Verbund verbindet die Vorteile der Baustoffe Holz und Beton. Holz kann mit allen“, so Lechner.

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