Fach ohne Kraft

Es gibt viele Gründe, warum die Fachkräfte fehlen. Neben Geld spielen Wertschätzung und Aufstiegschancen eine Rolle. Da rüsten viele Firmen inzwischen auf.

Wenn Gasthäuser wegen fehlender Köche tageweise zusperren, fällt das sofort auf. Auch wenn Pflegebetten wegen fehlender Arbeitskräfte unbenutzt bleiben, entstehen rasch Schlagzeilen. Wenn Handwerker nur zögerlich einen Kostenvoranschlag machen oder für Monate untertauchen, wird das in der Öffentlichkeit nicht so drastisch wahrgenommen. Es gab schon immer Installateure, Tischler, Maler, Elektriker und Schlosser, die es mit der Termintreue nicht so genau nahmen. Tatsächlich ist der Fachkräftemangel aber im Segment Gewerbe und Handwerk massiv präsent.

Die Wirtschaftskammer erhebt unter ihren Mitgliedern seit geraumer Zeit, in welchen Zweigen der Personalmangel am meisten schmerzt. Die Elektrotechnik/Elektronik sowie die Installations- und Gebäudetechnik rangieren dabei im Spitzenfeld hinter IT-Fachkräften, Verkaufspersonal und Köchen, wie aus dem WKO-Fachkräfteradar 2020 hervorgeht. Im moderaten Mittelfeld finden sich Bautechniker, Baufachkräfte, Fliesenleger und Dachdecker. Tatsächlich gibt es kaum Gespräche mit Branchenvertretern, in denen nicht nach kurzer Zeit das Thema Facharbeitermangel zur Sprache kommt. Die Zeit der Auswahl aus einem großen Pool ist definitiv längst vorbei. Das war nach der Öffnung Osteuropas ganz anders. Damals sind ganze Heerscharen von guten Handwerkern nach Österreich gekommen. Sie waren willig und billig und nahmen bereitwillig, die mit der Arbeit verbundenen Entbehrungen, wie stundenlange Nachtautofahrten und familiäre Zerrissenheit auf sich. Mit dem Wachstum und reger Bautätigkeit in Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei hat sich das geändert. Es gibt auch dort Jobs, von denen man leben kann und der Aufwand für Quartier und Reise fallen weg. Die damalige Welle an Billigarbeitern hat als Nebenwirkung hierzulande die Löhne gedrückt. Was gut für die Unternehmen war, brachte die heimische Arbeiterschaft zum Nachdenken. Ihre eigenen Kinder sollten es einmal besser haben und was Gescheites lernen – am besten Matura machen und studieren. Recht schnell galt die Lehre als Abstellgeleis für minderbegabte, wenig lernwillige junge Menschen. Was natürlich eine Fehleinschätzung ist, aber trotzdem dazu führte, dass der Nachwuchs in Berufen versiegte, wo es an manchen Tagen eben staubig, nass und kalt ist. Am Land nicht so drastisch wie in den Städten, weshalb tausende Pendler täglich oder wochenweise zum Bauen und Installieren in die Zentren strömen.

Trendumkehr durch Wertschätzung

Tatsächlich tun die einzelnen Branchen inzwischen Einiges, um wieder motivierte junge Leute an Bord zu kriegen. Die zwei Größen der Bauindustrie, Porr und Strabag haben nahezu zeitgleich um einige Millionen Euro Lehrlings-Ausbildungszentren errichtet. Ziel ist es, das Teambuilding zu stärken und spezielle Skills – Stichwort Digitalisierung – zu vermitteln. Auch die Innung hat sich etwas überlegt: Bau-Lehrlinge erhalten im 2. Lehrjahr ein Tablet samt Internetzugang für 36 Monate und kosten frei nutzbare Bau-Applikationen. Auch der Bau-Mittelstand zieht nach. In Horn erfolgte erst Anfang Juli der Spatenstich für ein rund 1.400 m² großes Ausbildungszentrum um rund zwei Millionen Euro von Leyrer+Graf. „Nachdem die Digitalisierung in der Baubranche Einzug gehalten hat und neue Technologien auch neue Wege in der Arbeitsweise und Zusammenarbeit ermöglichen, sei es erforderlich die Mitarbeiter damit vertraut zu machen und zu schulen“, so die Firmenleitung. Künftig wird die Ausbildung der rund 160 Lehrlinge an einem zentralen Ort zusammengeführt. Dieser Ort hieß in früheren Zeiten Berufsschule, hat aber offenbar an Attraktivität eingebüßt, weshalb die Firmen ihre Jungs lieber selbst schulen. Jungs deshalb, weil die weiblichen Fachkräfte nach wie vor eher die Ausnahme sind. Den Berufsschulen ein kollektives Versagen anzudichten wäre aber ungerecht. Es gibt ganz sicher in vielen Bereichen engagierte Direktoren und Lehrkörper, was aber oft zu wünschen übrig lässt, ist die Ausstattung der Schulen. Da wäre die Politik und ihre Prioritäten gefragt. Diese lassen sich am Beispiel des im Zuge der Pandemie versprochenen Distance Learning ganz gut beurteilen. Ein Teil der Schüler wartet noch immer auf die seinerzeit in Aussicht gestellten Laptops. Seit wann jetzt genau? Ähnlich sieht es bei den Berufsschulen aus, die ja die betriebliche Ausbildung ergänzen und verfestigen sollen. Diesen Anspruch können die Schulen nur dann erfüllen, wenn sie über die Werkstätten und Materialien verfügen, die auch in der Praxis zum Einsatz kommen. Würde nicht die Industrie laufend Geräte und Material einwerfen, wären die Lehrinhalte heillos veraltet.

„Das Werben um die Köpfe ist voll im Gange. Die Branche weiß, dass es ohne Wertschätzung nicht geht.“

Die besten Schulen nutzen jedoch nichts, wenn die Schüler nicht kommen. Und da verlassen sich viele Firmen nicht mehr nur darauf, dass der Sohn vom X und der Neffe vom Y zum Vorstellen kommt. Es hat sich ein Werben um die Köpfe entwickelt und man muss nicht lange suchen, um mehrere Internet-Portale zu finden, auf denen unterschiedliche Firmen ihre offenen Lehrstellen anpreisen. Caverion etwa ist auf www.lehrstellen4you. at und www.lehrstellenportal.at mit Lehrstellen vertreten. Swietelsky sucht auf www.lehrberuf.info einen Elektro- und Gebäudetechniker. Auf www.lehrlingsportal. at findet man einige offene Stellen von der Firma Ortner und auch Engie sucht auf dieser Plattform fünf Lehrlinge. Einige Lehrstellen finden sich auch unter den Jobangeboten auf der Website der 1a-Installateure. Einen anderen, sehr lokalen, Weg versucht der Verein Westwinkel, ein Zusammenschluss von 5 Gemeinden im Raum Strengberg (NÖ). Ende September fand in Ennsdorf ein sogenanntes Lehrlings-Clubbing statt. Mit an Bord waren diverse Firmen, darunter auch lokale Installateure und Elektriker.

Gebäudetechnik zieht nach

So ähnlich wie bei BIM ziehen die Gebäudetechniker auch bei den Ideen für den Nachwuchs der Bauwirtschaft nach. Willkommens-Events für Nachwuchskräfte häufen sich, und da und dort werden beim Firmenumbau auch schon Fitness-und Freizeit-Räume miteingeplant, wo die Mitarbeiter ein bisschen trainieren oder ein Feierabend-Bier heben können. Die Großen der Branche versprechen zudem Aus- und Weiterbildung in sogenannten Akademien. Die IGO-Gruppe etwa mit den Firmen Ortner, Bacon & Co., in denen insgesamt rund 250 Lehrlinge ausgebildet werden, bieten mit der Lehrlingsakademie Kurse für persönliche und soziale Kompetenz. Ebenso hat Engie eine Akademie.

Das Zukunftsforum SHL hat die Bekämpfung des Fachkräftemangels ebenso auf seiner To-Do-Liste. Kein Wunder, zwischen 2010 und 2017 sind die Lehrlingszahlen von 5.181 auf 2.690 gesunken. Seither gibt es zwar einen leichten Aufwärtstrend, der aber bei weitem nicht reicht. Die Technik-Installationen in Gebäuden sind mehr und deutlich komplexer geworden, wie schon der Blick in den Technikraum eines modernen Einfamilienhauses zeigt.

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