„Es gibt Platz für alle“

Karl Sagmeister, Geschäftsführer von Schneider Electric, über den Markt, die Preise und die Veränderungen bei der Technologie und den potenziellen Partnern.

 

Building Times: Hr. Sagmeister, die Baubranche boomt. Läuft es gut, und steigen auch die Preise? Sagmeister: Wir waren mit dem Verlauf des Jahres 2017 sehr zufrieden. Unsere beiden gebäuderelevanten Geschäftsbereiche sind deutlich zweistellig gewachsen. Das war eine Überraschung, die man nicht alle Jahre sieht. Insgesamt ist Schneider Electric hierzulande einstellig gewachsen.

Building Times: Und die Preise? Sagmeister: Wir haben eine gute Nachfrage, aber keine Verknappung. Es gibt aber wieder auffällig mehr Shortages. Die führen aber nicht zu höheren Preisen, sondern dazu, dass Kunden, die jahrelang mit einem Lieferanten zusammengearbeitet haben, sich plötzlich wieder öffnen und man damit verbunden neue Chancen für Einstiege erhält. Zur Preissituation muss man anmerken, dass unsere Partner Stabilität erwarten, weshalb wir einmal jährlich die Listenpreise festlegen, und die haben dann auch Gültigkeit. Bei Großprojekten gibt es oft lange Laufzeiten, dort gelten die Preise oft auch für die Projektlaufzeit.

Building Times: IOT, Cloud und Digitalisierung sind in der Gebäudetechnik angekommen. Wie bringt man die Komplexität dem Elektriker am Land nahe? Sagmeister: Der Elektriker am Land ist derzeit unser geringstes Problem. Der hat im Moment eine Vollauslastung. Die Frage ist: Wie finden diese Handwerker, die voll beschäftigt sind, die Zeit, um sich auf die Zukunft vorzubereiten?

Building Times: Das heißt, es wird künftig schwierig? Sagmeister: Nein, nicht nur, denn ich sehe in den drei von Ihnen genannten Begriffen auch eine erhebliche Reduktion der Komplexität. Wir als Hersteller tun viel, um das Front-End, also die Benutzeroberfläche, zu vereinfachen und den Nutzen der Produkte einfach zugänglich zu machen. Auf der anderen Seite geht es auch dahin, für den Integrator und Planer das Back-End zu vereinfachen. Alles, was zur Parametrierung, zur Konfiguration, zum Einbau und zum Vernetzen notwendig ist, versuchen wir möglichst zu vereinfachen. Das kann über Software sein, wofür unser KNX-Lite ein sehr gutes Beispiel darstellt.

Building Times: Wird diese vereinfachte Form von KNX angenommen? Sagmeister: Ja, sehr gut. Es beschleunigt und vereinfacht das Aufsetzen und die Inbetriebnahme eines Systems.

Building Times: Das heißt, die Gebäudeautomatisierung der Zukunft ist gesichert? Sagmeister: Ja, es wird Platz für alle geben – für jene, die kleine Projekte realisieren, und für andere, die komplexe Anlagen planen und integrieren.

Building Times: Fehlen nicht aber die Facharbeiter, um die Projekte zu realisieren? Sagmeister: Ja, wir sehen das ganz massiv bei Elektrikern, die kaum mehr in der Lage sind, die derzeitige Nachfrage zu bedienen. Natürlich sind auch wir bei Schneider Electric damit konfrontiert. Wir haben aber die Möglichkeit, Mitarbeiter aus der Gruppe zum Einsatz zu bringen.

Building Times: Für die Gebäudeautomation gibt es MSR-Spezialisten und IT-Experten. Bleibt da für den Elektrotechniker noch Platz? Sagmeister: Ja, Elektriker und Elektrotechniker haben einen sehr guten Marktzugang. Sie haben derzeit viel zu tun, werden aber auch vom Markt her ein Stück weit getrieben, sich mit IT und MSR zu befassen, weil die Nachfrage das verlangt. Die Elektriker werden sich weiterentwickeln. Es gibt zudem eine Konvergenz der Gewerke MSR, IT und Elektrotechnik. Vermutlich werden auch einige auf der Strecke bleiben, wenn sie nicht rechtzeitig Maßnahmen einleiten, um sich einen Platz in der Konvergenz zu sichern.

Building Times: Ein sehr markante Veränderung in der Gebäudetechnik ist der vermehrte Einsatz von Funktechnologie. Wird das Kabel zum Fossil? Sagmeister: Ein klares „Ja oder nein“ möchte ich hier vermeiden. Wir glauben schon, dass das Thema Funk und auch neue Netzwerkkonzepte wie etwa Mesh-Netze in unkritischen Gebäudeapplikationen massiv an Bedeutung gewinnen werden. Wir sehen aber auch, dass das Zuführen von Energie an Sensoren und Aktoren nach wie vor kabelgebunden stattfindet. Dazu kommt, dass in der Branche sehr traditionell gearbeitet wird und alte Gewohnheiten nicht so rasch aufgegeben werden.

Building Times: Auf dem Hamburger Flughafen führte ein Kurzschluss zur Schließung. Ist das Standard in Europa? Sagmeister: Nein, es zeigt aber, was passieren kann, wenn man dem Thema Energieversorgung nicht das gebotene Augenmerk schenkt. Es ist nicht untypisch, dass Anlagen so aufgebaut werden und im Bedarfsfall keine Redundanzen gegeben sind. Was auch wenig beachtet wird ist, dass viele Anlagen ein bestimmtes Alter erreicht haben und sich die Frage stellt, ob sie noch die heutigen Anforderungen erfüllen. Das ist auch der Ansatz von unserem EcoStruxure. Damit kann man vorausschauend und rechtzeitig Schwächen im System erkennen. Wenn Anlagenzustände überwacht, visualisiert und interpretiert werden, lassen sich große Pannen vermeiden.

Building Times: Gibt es in Österreich EcoStruxure-Projekte? Sagmeister: Ja, eines der größeren Projekte ist der Millennium Tower, der gebäudetechnisch revitalisiert wird. Dort ist EcoStruxure implementiert. Weitere Projekte sind im Krankenhausbereich und im Bereich Datencenter und überall dort, wo kritische Applikationen vorhanden sind, installiert.

Building Times: Wie sieht das beim Millennium Tower konkret aus? Sagmeister: Die Techniker im Leitstand erhalten eine immense Anzahl von Informationen von Datenpunkten. Unser System filtert dort die kritischen Dinge heraus. Das ermöglicht die Software, die im Bedarfsfall nicht nur alarmiert, sondern auch weitere Hilfestellungen anbietet, um entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Building Times: Der Schneider T-Day ist dazu gedacht, den Partnern Einblick in die Entwicklungen zu geben. Sind Sie zufrieden?Sagmeister: Ja. Was uns positiv überraschte ist, dass das Networking zwischen den Akteuren teilweise schon sehr gut funktioniert. Aus unserer Sicht waren die zwei Tage sehr fruchtbar. Unser Eindruck war aber auch, dass manche Netzwerke sich ohne unser Zutun sehr gut entwickeln.

Building Times: Bei den T-Days war auch das Hotel ein Thema. Was stand da auf der Agenda? Sagmeister: Wir haben unseren Partnern gezeigt, wie so eine EcoStruxure-Applikation für ein Hotel ausschauen kann. Das Hotel ist ja mit Einzelraumregelung, Zutrittslösung, Videoüberwachung und Energiemanagement sehr umfangreich. Wir haben auch darüber gesprochen, wer was macht, welche Kompetenzen ein Partner braucht und wo wir Hilfestellung geben können, um die Wertschöpfung zu optimieren.

Building Times: Kommen zu solchen Events auch Gebäudetechnikplaner? Sagmeister: Ja, es waren auch Planer da. Aber ich gebe zu, dass die Planer immer schwieriger zu erreichen sind.

Building Times: Wissen die Planer schon alles? Sagmeister: Nein, das glaube ich nicht. Tendenziell zeigt sich aber, dass herstellerunabhängige Plattformen eher geeignet sind, Planer zu motivieren.

Building Times: Woran denken Sie da? Sagmeister: Die Planing Days in Velden sind sicher eine interessante Veranstaltung. Auch die Building Technology Austria, die wir aktiv unterstützen, birgt Zukunftspotenzial in sich. Ich verhehle aber nicht, dass wir uns verstärkt auf den Endkunden fokussieren. Wir haben unsere Planerbetreuung ressourcenmäßig angepasst, auch weil Ausschreibungen insbesondere im Wiener Raum immer seltener halten. Deshalb gilt es, die Endkunden von den Nutzenargumenten zu überzeugen.

Building Times: Der Endkunde ist in dem Fall der Entwickler? Sagmeister: Ein Bauträger, der ein Gebäude auch betreibt. Beim Investor, der nur entwickelt, hat man wenig Gehör. Da hoffen wir, dass die neue Regierung beim Klimaschutz nachschärft und die Nachhaltigkeit bei Gebäuden mehr Gewicht erhält.

Building Times: Glauben Sie daran? Sagmeister: Wir werden sehen, was die nächsten sechs bis neun Monate bringen. Wir sind über den Fachverband sehr gut eingebunden. Unsere Lobbyarbeit war in der Vergangenheit deutlich schlechter als jene der Baustoffindustrie. Wenn sich das ändert, kommt man vielleicht zur Einsicht, dass es nicht der Weisheit letzter Schluss ist, Erdölprodukte an die Wände zu kleben.

Building Times: Was bringt uns Zukunft? Sagmeister: Wir sehen im Wohnbau 4.0 funkbasierte Lösungen, die es dem Nutzer ermöglichen, sein Smart Home zu realisieren. Wir bieten dazu übrigens das System Wiser. Im Zweckbau 4.0 wiederum sehen wir ganz klar das Thema Building Automation System und Ecostruxure.

Building Times: Und KNX? Sagmeister: Wir glauben, dass KNX vom Markt verschwinden wird. Wir wissen nicht, wie schnell es gehen wird, aber es scheint überholt zu sein. Bei unseren Betrachtungen zum Gebäude der Zukunft spielt KNX keine Rolle mehr.

Building Times: Viele Elektriker haben viel Geld und Zeit in KNX investiert. Sagmeister: Ja, und es wird nicht einfach, diesen Personen zu erklären, dass das alles jetzt nichts mehr wert ist.

Building Times: Angenommen, ein Speckgürtel-Elektriker könnte einem Kunden eine PV-Anlage samt eigener Ladestation für das E-Auto verkaufen. Hat Schneider da die Planungskapazität? Sagmeister: Wir haben fix fertige Cases, gehen aber einen Schritt weiter und qualifizieren gerade Eco-Expert-Partner. Diese Elektriker erhalten von uns das Know-how und die Softwaretools, um solche Systeme zu konfigurieren. Das sind dann Integrationspartner für spezielle Ausgaben. Ihnen steht dann auch ein spezieller Support im Haus zur Verfügung.

Building Times: Müssen sich diese Elektriker an Schneider Electric binden? Sagmeister: Nein. Aber das für solche Anwendungen erforderliche Wissen ist rar und erfordert entsprechende Schulungen.

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