Eigentlich: no problem

Mehr Formulare, längere Lieferzeiten, eventuell Probleme bei Entsendungen, zurückhaltende Investoren und demnächst ein Normenthema – viel mehr Negativa hat der Brexit-Deal für österreichische Baudienstleister in Großbritannien bisher nicht gebracht. Die Pandemie überlagert alles.

Abwicklungstechnisch bedeutet der Brexit für uns etwas mehr Aufwand in der Dokumentation, aber grundsätzlich keinen immensen Mehraufwand, der die Kosten hochtreiben würde“, erklärt Johannes Rebhahn. er ist Head of International Timber Projects bei der Wiehag Construction in Altheim (OÖ), ein Unternehmen, das in Großbritannien immer wieder für Aufsehen sorgt, beispielsweise mit der 12.300 m² großen Dachkonstruktion für die Macallan Destillerie in Schottland. „Es gibt ohnehin keine nennenswerte Produktion von Brettschichtholz im UK, daher sind die Briten auf das europäische Festland angewiesen“, setzt Rebhahn fort. „Die englischen Baunormen wurden vor einigen Jahren komplett von British Standard auf Eurocode umgestellt. Vielleicht bekommen sie einen anderen Namen, aber der Inhalt wird gleich sein, denn so schnell ändern sich Normen in der Baubranche nicht“.

London: Hotspot der Architekturszene

London werde weiterhin der Hotspot der internationalen Architekturszene bleiben, und damit verbunden säßen auch die weltgrößten Ingenieurbüros in London. „Die Anfragetätigkeit ist nach wie vor hoch, allerdings verzögern sich viele Entscheidungen – aber eher aufgrund von Covid anstatt wegen des Brexits. Für den hochklassigen Architekturbau in Holz ist daher UK immer noch ein interessanter Markt. Kurzfristig spüren wir Umsatzrückgänge, aber irgendwann müssen die aufgeschobenen Bauentscheidungen nachgeholt werden“, ist man bei der Wiehag recht zuversichtlich.

Geschichte bald verdaut

Der Wohnbau und Infrastruktur-Bauten hinkten in Großbritannien hinten nach und bestimmte Infrastruktur-Vorhaben wie Schulen, Straßen und Schiene seien covidbedingt eingefroren, da würden aber starke Konjunkturspritzen der Regierung kommen, sagt Christian Kesberg, der österreichische Wirtschaftsdelegierte in London, der derzeit meistgefragte Österreicher in London. Die Personal-Entsendung zu Montagen könnte sich als das größte Problem erweisen, meint Kesberg. Aber: Ein britisches Weißbuch zur Energie- und Klimapolitik mit Initiativen zur Energie-Effizienz am Bau sei absehbar, genauso wie ein massives Förderprogramm der Regierung. „In ein paar Monaten ist die Geschichte vorbei“, ist Kesberg überzeugt.

„Wir haben die ersten LKWs schon rübergebracht“, berichtet Gerhard Haidinger, Geschäftsführer der GIG Fassaden GmbH in Attnang-Puchheim. Zwölf der insgesamt rund 200 Mitarbeiter sind fix in London stationiert. Die Laufzeit der LKWs habe vorher drei bis vier Tage betragen und mache jetzt das Doppelte aus, ergänzt er gegenüber Building Times. Rund 20 Millionen Euro mache der Umsatz in Großbritannien aus, in der gesamten Gruppe rund 50 Millionen – 80 Prozent davon im Export. „Wir planen aber heuer mit weniger Betriebsleistung“, sagt Haidinger. Bauleiter würden entsendet, Monteure kämen von Subunternehmen aus Osteuropa. In der Personalfrage sieht er kein Problem: „Wenn wir Entsendungen nach Russland, Kasachstan und Aserbaidschan zusammenbringen, warum nicht nach UK?“ Die Situation sei „kein Spaziergang, aber machbar“. Mit dem Ilona Rose House in Soho läuft gerade ein interessantes GIG-Projekt in London.

Aus dem Schneider mit Niederlassung

Alle jene Player, die eine Niederlassung in Großbritannien haben, sind puncto Brexit weitgehend aus dem Schneider, wie auch Waagner Biro-Chef Johann Sischka bestätigt: „Waagner Biro steel and glass ist seit 20 Jahren mit einer Tochterfirma in England vertreten. Leistungen werden soweit möglich über den lokalen Markt zugekauft und abgewickelt. Allerdings sind wesentliche Komponenten, wie zum Beispiel Glas, lokal teilweise nicht verfügbar und werden vornehmlich aus Kontinentaleuropa geliefert“. Die Planungsleistungen werden großteils vom Wiener Büro erbracht. „Was Lieferungen betrifft, wird sich der bürokratische Aufwand erhöhen und damit auch Mehrkosten verursachen, das könnte auch zu Verzögerungen bei Lieferungen führen“, ergänzt Sischka. „Zusammengefasst kann ich sagen, dass wir den englischen Markt weiterhin über unsere Tochterfirma in London bearbeiten werden. Entscheidend für die Intensität unseres zukünftigen Engagements wird auch die Entwicklung des lokalen Marktes sein, denn neben Brexit hat auch Corona einen wesentlichen Einfluss darauf“.

Beim BSP-Riesen KLH, in Teufenbach-Katsch sieht Geschäftsführer Marco Huter die Brexit-Lage recht gelassen, hat er doch 22 Mitarbeiter in London: „Wie andere Exporteure/ Importeure sind wir vom zusätzlichen administrativen Aufwand und den daraus resultierenden Verzögerungen bei der Einfuhr unseres Produktes betroffen. Wir erwarten aber, dass sich die Situation in den nächsten Monaten entspannen wird. Was wir aber in den letzten zwei Jahren gespürt haben, war die Unsicherheit bei Investoren, die zur Verschiebung von Projekten geführt hat“, erklärt Huter gegenüber Building Times.

CE-Zertifikat verliert Gültigkeit

„Eine wesentliche Änderung betrifft jedoch die Zertifizierung: Ab 1. 1. 22 wird das CE-Zertifikat seine Gültigkeit in UK verlieren und an seine Stelle wird ein britisches ‚Quality Mark‘ treten. Derzeit ist für uns noch völlig unklar, was diese Änderung für Auswirkungen im Detail haben wird“. Der Brexit-Deal bedeutet, „dass es keine Zölle auf Produkte von Stora Enso in UK aus unseren europäischen Werken gibt, allerdings Erschwernisse in Form genauer Überprüfungen am Zoll“, erklärt Pressesprecherin Sabrina Bartl. Das Unternehmen habe sich mit seinen Partnern seit einigen Jahren auf diese Situation vorbereitet, wodurch es zu keinen Lieferverzögerungen gekommen sei. Allerdings: „Man wird den Brexit noch eine Weile spüren, beispielsweise weil nach 2021 die CE-Kennzeichnung nicht mehr gültig ist und man stattdessen die UKCA-Kennzeichnung anführen muss. Wir werden uns aber auf keinen Fall wegen des Brexits aus UK zurückziehen.“

Keine Kommentare

Kommentar schreiben