Schallschutz plus Raumwärme

Am Beginn wollte man die Reduktion des Straßenlärms durch eine schallabsorbierende Fassade an einem Siedlungsbau in Hallein. Realisiert wird eine umfassende Sanierung mit der „Salzburger Multifunktionsfassade“ samt integrierter Heizung.

Ende Oktober war Firstfeier beim Demonstrationsobjekt in der Halleiner Burgfriedsiedlung, an der täglich bis zu 20.000 Autos auf der Bundesstraße vorbeirauschen. Ausgangspunkt war für den Initiator und Konsortialführer des Projektes „Wohnen findet Stadt – Hallein“, den Salzburger Architekten Paul Schweizer, die Reduktion der Lärmbelastung durch eine schallabsorbierende Fassade. Nun ist daraus eine umfassende Sanierung geworden, samt Aufstockung mit sieben barrierefreien Wohnungen mit der dafür entwickelten „Salzburger Multifunktionsfassade“.

„Zwei Elemente spielen dabei eine besondere Rolle“, erläutert Schweizer im Gespräch mit Building Times: „Einerseits die Schallabsorption über die Fassade und andererseits die Bauteilaktivierung. Eine solche an Wänden zu realisieren, ist tatsächlich neu“, ergänzt der Architekt. Das Vorhaben wurde in einem „Sondierungsprojekt“ ausgiebig vorbereitet, gemeinsam mit den Forschungsbereichen „Holz und biogene Technologien“ sowie „Smart Building und Smart City“ der Fachhochschule Salzburg, gefördert unter anderem von der Salzburger Wirtschaftsförderung und der FFG sowie diversen Firmen. „Jetzt läuft noch bis Oktober 2019 das Umsetzungsprojekt, bei dem besonders wichtig ist, dass die Bewohner in ihren Wohnungen bleiben können und nicht abgesiedelt werden müssen“, sagt Schweizer, der auch viel Aufwand in die Vorab-Kommunikation mit den Bewohnern investiert hat. „Wir wollten möglichst keinen Eingriff im Bestand vornehmen.“ Den gibt es nur indirekt, indem die in den Wohnungen vorhandenen Einzelfeuerungen „mit Öl, Kohle und Stückholz“ obsolet gemacht werden. Und zwar durch eine zwischen der alten Fassade und der neuen Dämmung samt neuer Holzschale liegenden Heizung, die Schweizer als „Bauteilaktivierung“ bezeichnet. Was derzeit also in Decken praktiziert wird, haben die Väter der Salzburger Multifunktionsfassade in die Wand verlegt. „Lüftung und Klima auch in die Fassade zu verlegen, war ebenfalls eine Idee, das hätte aber den Rahmen des sozialen Wohnbaus gesprengt“, sagt Schweizer, weshalb die Lüftung über die Fenster erfolgt, die natürlich auch neu kommen. Von den schallabsorbierenden Elementen in der Fassade erwartet sich Markus Leeb, „Forschungsleiter Intelligente Energiesysteme“ der FH Salzburg, im Gespräch mit Building Times „drei Dezibel Schallminderung – wenn alle umliegenden Fassaden ebenso belegt werden.“ Noch optimistischer ist der Architekt Schweizer, der „bis maximal 5 Dezibel Außenschall-Reduktion“ erwartet. Die verbauten Velox-Elemente sind jenen sehr ähnlich, die entlang von Autobahnen und Schnellstraßen für Lärmschutzwände verwendet werden. „Solche Versuche mit Fassaden sind schon öfter überlegt worden, aber immer wieder am Aussehen der schallabsorbierenden Elemente gescheitert“, wendet der Grazer Bauphysiker und Lärmschutz-Experte Heinz Ferk gegenüber Building Times ein.

Erheblich mehr Lärmreduktion wird jedoch dann erzielt, wenn beispielsweise auf den wegen des Lärm bisher ungenützten Grünflächen Fahrrad-Abstellplätze eingerichtet werden, „denn das wäre ein lärmtechnischer Lückenschluss“, ergänzt Leeb, wobei die ebenfalls angedachte Überdachung lärmtechnisch nicht so wichtig sei. Das hätten Untersuchungen des Projektpartners Planum Fallast Tischler & Partner GmbH ergeben. Naturgemäß spielt die Bauphysik bei einem derartigen Projekt eine sehr große Rolle, wie Schweizer bestätigt. Im aktuellen Umsetzungsprojekt liegt die bauphysikalische Begleitung beim Salzburger Ingenieurbüro Zauner, das die einzelnen Realisierungsmaßnahmen auch umfassend dokumentiert. Die vorgefertigten Fassadenelemente kommen von der Salzburger Innovaholz GmbH, die Dämmung liefert die Isocell GmbH, für die Installationen sorgt die Halleiner Firma Schaber Installationen. Aus der ursprünglichen Gebäude- und Regeltechnik GmbH wurde während der Projektlaufzeit die Welser Fritz Holter GmbH. Die Leitungsrohre liefert die Ke Kelit Kunststoffwerk GmbH und für die Klimaplanung ist die Raumklima Planungsgesellschaft mbH in Mondsee (OÖ) verantwortlich. Sie alle sind Projektpartner bei der „Salzburger Multifunktionsfassade“.

Dass es nicht bei der einen Anwendung in der Burgfriedsiedlung bleibt, ist bereits gesichert. Laut Markus Leeb wird es auch in der Halleiner Döttlstraße eine Sanierung geben. „Mehr Gebäude, die dafür in Frage kommen, gibt es in Hallein nicht.“ Wenn die Sanierungsfassade tatsächlich zweimal gebaut wird, übertrifft sie viele andere, die nur einmal prototypisch realisiert wurden.

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