Heimische Regelgröße

Was vor mehr als 30 Jahren als Teil der Solar-Selbstbaugruppen in der Garage im Waldviertel begann, ist heute als Technische Alternative eine Fixgröße am Markt für Regel- und Steuertechnik.

Die Technische Alternative des Kurt Fichtenbauer mit Sitz im Amaliendorf beschäftigt heute 55 Mitarbeiter und entwickelt und produziert Regler für diverse Anwendungen. Gestartet hat man mit Regelungen für die damals aufkommende Solarthermie, heute verfügt die TA über ein Portfolio, das zunehmend auch Elektriker anspricht. Als Türöffner für diese Klientel fungierte auch der Photovoltaik-Heizstab Aton, der PV-Strom zu Warmwasser macht.

Damit hat sich der Fokus der TA ganz klar erweitert. Nach Jahrzehnten, in denen die Firma fast ausschließlich Hydrauliker mit Regeltechnik bediente, kommen die Geräte nun vermehrt im Schaltschrank zum Einsatz. Da erscheint es geradezu logisch, dass in der TA an einem Smart Home-System gearbeitet wird. Das wäre bald marktreif, wäre da nicht die sehr angespannte Situation am Materialmarkt.

Am Erfolg des Unternehmens ändert das vorerst wenig. Seit 2018 stieg der Umsatz der TA jährlich um rund 20 Prozent auf zuletzt rund 10 Millionen Euro. Und das sei auch heuer machbar, wenn nicht die Chips und andere Bauteile ausbleiben, so der Firmeneigentümer. Er und Langzeit-Mitarbeiter und Geschäftsführer Andreas Schneider erklären im Building Times-Interview, was sie antreibt, warum sie ein eigenes Steuer-Protokoll entwickelt haben und warum sie die persönlichen Schulungen vermissen.

INTERVIEW: KURT FICHTENBAUER, ANDREAS SCHNEIDER

Building Times: Ihr Unternehmen war 2020 mit einem Umsatzplus von mehr als 20 Prozent sehr erfolgreich. Lässt sich das heuer toppen?

Kurt Fichtenbauer: Ja, wenn wir die Materialien alle erhalten. Wir haben seit 2018 eine jährliche Steigerung zwischen 18 und 26 Prozent erreicht, und es sieht auch heuer danach aus.

Building Times: Im Moment wird sehr viel über Lieferverzögerungen und Preiserhöhungen berichtet. Sind das auch Themen der TA?

Andreas Schneider: Im Prinzip haben wir eine sehr konservative Lagerhaltung. Wir versuchen für unsere ganzen Materialen einen Halbjahresbedarf im Haus zu haben, damit wir unsere Liefertermine einhalten können. Das große Problem ist, dass derzeit seitens unserer Zulieferer Liefertermine nicht eingehalten werden. Wir warten teilweise auf Material, das seit März bei uns sein sollte. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich und reichen von Exportbestimmungen bis zu coronabedingten Ursachen.

Fichtenbauer: Aber, auch ein Jahreslager kann kritische Situationen auslösen, wenn die Nachfrage steigt und zugleich Liefertermine von 18 Monaten zugesagt werden.  Auch wir leben daher permanent in der Krise und in täglichem Stress. Zudem lassen sich laufende Auftragseingänge bei einer Versorgungslücke eines einzigen Teils von auch nur einem Monat infolge der ausgelasteten Produktion kaum mehr aufholen.

Building Times: Und wie sieht es bei den Preisen aus?

Fichtenbauer: Was die Preise betrifft, versuchen wir auch für das kommende Jahr die Preisstabilität zu halten, ob uns das gelingt, wissen wir derzeit nicht. Es gibt bestimmte Bauteile, die sich um den Faktor 10 bis 20 verteuert haben. Wenn das nicht bald abflacht, müssen auch wir handeln. Wir hatten seit 2012 keine Preiserhöhung.

Building Times: Geht es da um Produkte, die aus Asien kommen?

Fichtenbauer: Im Prinzip geht es da um Halbleiter, die vielfach aus Asien stammen. In Malaysien stehen derzeit viele Fabriken. Es ist auch gerade in Japan ein Chipwerk abgebrannt, das verschärft die Situation zusätzlich.

Building Times: Gibt es Hamsterkunden?

Fichtenbauer: Ja, es gibt immer wieder Versuche, die wir aber nicht dulden. Im Gegenzug sichern wir den Kunden zu, sie zu beliefern.

Building Times: Sie bedienen nicht nur den heimischen Markt, wie hoch ist Ihre Exportquote?

Fichtenbauer: Um die 60 Prozent und steigt von Jahr zu Jahr.

Building Times: Ich nehme an, da ist Deutschland der wichtigste Markt?

Schneider: Ja, aber wir haben auch in Holland sehr gute Beziehungen und Erfolge. Auch die Schweiz, Italien und Spanien tragen maßgeblich zum Erfolg bei.

Building Times: Eines Ihrer Zugpferde sind frei programmierbare Regler. Wie viele davon wurden in etwa produziert?

Fichtenbauer: Von der alten Version UVR1611 waren es knapp 135.000 Geräte. Seit fünf Jahren produzieren wir mehrere Modelle parallel und die Jahresproduktion liegt in Summe bei rund 20.000 Stück.

Building Times: Sie haben im Herbst eine eigene Marke für professionelles Smart Home angekündigt. Gibt es dazu schon etwas zu erzählen?

Schneider: Im Prinzip ist das Heizkörperthermostat, das erste Produkt der neuen Generation. Dazu haben wir derzeit die erste Vorserie firmenintern laufen. Bei den weiteren Geräten haben wir den Materialbeschaffungsprozess laufen. Darunter sind leider Teile, bei denen uns die Lieferanten keinen Termin nennen können.

Fichtenbauer: Wir haben konkret vier Produkte nahezu fertig und es laufen Feldtests, damit wir, was die Qualität betrifft eine hundertprozentige Sicherheit haben. Wir wollen ja Produkte, die Jahrzehnte laufen. Was uns fehlt, ist der Lagerbestand für die neuen Komponenten.

Building Times: Was genau sind die vier Produkte?

Fichtenbauer: Es geht darum, dass wir zum Beispiel Lichtsequenzen automatisieren. Insgesamt gehen wir verstärkt in die Stromschiene, also Aktoren, Sensoren und ähnliches.

Building Times: Ist die Photovoltaik da auch ein Element?

Fichtenbauer: Dazu haben wir eine Ladestation entwickelt, die den PV-Überschussstrom für die Ladung nutzt und dosiert in das Auto bringt. Allerdings haben wir derzeit eine Reihe von Produkten, denen wir mehr Aufmerksamkeit schenken.

Building Times: Verzögert die Materialversorgung das Ausrollen der neuen Smart Home-Marke?

Fichtenbauer: Definitiv, weil in diesen Produkten eine Reihe von neuen Bauteilen enthalten sind, für die es ja noch keinen Lagerbestand gibt.

Schneider: Das geht es um Teile, für die wir sogar für 2022 keinen Liefertermin erhalten.

Building Times: Für künftige Entwicklungen soll das Protokoll Cora eine wesentliche Rolle spielen. Was ist so besonders an diesem Protokoll?

Schneider: Das Protokoll eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten, weil es funkfähig ist und nicht unbedingt eine Datenleitung braucht. Wir können damit auch Updates bei Sensoren im Feld machen.

Fichtenbauer: Cora steht für Cable or Radio-Access. Es macht also keinen Unterscheid, ob ein Gerät verkabelt ist oder per Funk ins Netz integriert ist.

Building Times: Aber so richtig üblich ist dieses Protokoll nicht?

Fichtenbauer: Es ist unsere Entwicklung. Es gibt Protokolle, die haben Weltstandard, etwa W-Lan, Bluetooth, Zigbee und andere. Diese Protokolle haben viele Vorteile, aber auch Nachteile und die Produkte dafür kommen nahezu ausschließlich aus Fernost. Wir haben deshalb ein Protokoll entwickelt, das die Vor- und Nachteile ausgleicht und für unser Aufgabenfeld optimiert. Und, was mir auch wichtig ist, es wurde mit heimischem Know-how entwickelt und es gibt nichts Vergleichbares. Das war der Grundgedanke.

Building Times: Ist das Protokoll kompatibel mit anderen?

Fichtenbauer: Nein, das kann es auch nicht sein, weil sonst hätten wir die Nachteile ja wieder mit an Bord.

Schneider: Wir haben bei Cora zwei wesentliche Dinge. Das ist einerseits der sehr geringe Stromverbrauch und andererseits die verfügbare Datenrate. Und wir nutzen die 230 Volt-Leitung und brauchen keine eigenen Schalterleitungen. Die Steuerung erfolgt dann über die speziellen Module, die vom Regler bedient werden.

Building Times: Warum tun sie das?

Fichtenbauer: Ich selbst habe von einem namhaften Fensterhersteller eine Steuerung erhalten, bei der nach einem halben Jahr ein Batteriewechsel notwendig wurde, das halte ich für untragbar. Ähnliches gilt für Heizkörperthermostate, ich meine, die sollten zumindest drei Jahre wartungsfrei laufen.

Building Times: Die Zielgruppe für diese Entwicklungen bleibt der Elektriker?

Schneider: Ja, wir wollen nicht mit chinesischen Produkten konkurrieren. Wir wollen Systeme, die langfristig funktionieren und Freude bereiten.

Building Times: Heuer gibt es so gut wie keine Fachmessen. Stellt das ein Problem in der Beziehung zu Kunden und Partnern dar?

Schneider: Was uns mehr weh tut, ist das Fehlen von Seminaren. Wir machen zwar viele Online-Schulungen, mit denen wir ein größeres und verstreutes Publikum erreichen. Das ersetzt aber nicht die persönlichen Seminare, weil die eine ganz andere Intensität bieten. Der Lerneffekt ist einfach viel größer, wenn das Gerät vor einem liegt und auch angegriffen werden kann.

Building Times: Und die Messen?

Fichtenbauer: Die Messen fehlen mir persönlich nicht wirklich. Als Aussteller hat man ja fast den Zwang, dass man präsent ist, weil die Community sonst glaubt, mit der Firma stimmt etwas nicht. Wir haben es aber auf den Messen kaum geschafft, ein echt neues Publikum zu gewinnen. Messen dienen der Kundepflege.

Schneider: Das Messewesen hat sich verändert. Früher wurden dort echte Neuigkeiten präsentiert, das geschieht heute vielfach online.

Building Times: Führt das bei Ihnen zu einem Überdenken von Messeauftritten?

Schneider: Wir werden intensiv darüber nachdenken. Eine Messe Wels werden wir selbstverständlich auch aus Tradition nicht fallen lassen. Es gibt aber andere, zum Beispiel deutsche Regionalmessen, deren Sinnhaftigkeit wir prüfen werden. Dort ist das Publikumsinteresse in den vergangenen Jahren deutlich abgeflaut. Der Aufwand für uns ist dort aufgrund der Distanz sehr groß.

Building Times: Wie steht es um die ISH?

Fichtenbauer: Wir werden sie diskutieren, aber ich meine, dass wir uns dieser Messe nicht entziehen können, weil es eben eine Weltleitmesse ist und wir dort immer wieder auf Exportkunden treffen.

Building Times: Den Grundstein Ihres Unternehmens legten Sie mit Reglern für Solarthermie-Anlagen vor gut 30 Jahren. Das hat lange funktioniert, ist aber jetzt eine kleine Nische. Glauben Sie an ein Revival der Solarthermie?

Fichtenbauer: Ich meine, die grünen Dächer sind gedeckt. Im Bereich der Großanlagen wird es sicher noch Akzente geben, bei den traditionellen Kleinanlagen sehe ich wenig Zukunftspotenzial.

Schneider: Trotzdem haben wir 2020 bei kleinen Solarreglern schöne Stückzahlen erreicht. Das waren zwei Großkunden, die nicht in Österreich oder Deutschland angesiedelt sind. Entscheidend ist, meine ich, dass die Photovoltaik einen erheblichen Preisverfall erlebt hat. Dadurch sind die Flächen auf den Dächern vergeben.

Building Times: Eine Ihrer jüngsten Entwicklungen ist ein Heizstab für PV-Anlagen. Wie entwickelt sich dieses Segment und was erwarten Sie in der Zukunft?

Fichtenbauer: Das läuft weit über den Erwartungen. Ich habe dieses Produkt aus Ehrgeiz entwickelt, weil mich das Produkt eines deutschen Mitbewerbers überrascht hat. Ich wollte zeigen, dass es besser geht, die Entwicklung hat dann länger gedauert als gedacht. Aber die Stückzahlen sind wirklich sehr erfreulich und wir sind durch dieses Produkt endgültig im Elektrobereich gelandet. Es ist auch ein Türöffner, weil das System einen Energiezähler braucht, den wir auch entwickelt haben. Der ist inzwischen wiederum zum Stand-Alone-Produkt im Bereich Lastmanagement geworden.

Building Times: Das heißt, der Heizstab hat Ihnen ein zweites Standbein eröffnet.

Fichtenbauer: Das ist richtig und diese Stellung kommt uns sehr zugute. Lustigerweise ist die ganze Regeltechnik, die wir nun entwickeln aus dem Aton heraus entstanden.

Building Times: Ihre Regler sind in mehr als 40 Ländern verbaut. Wissen Sie wo, die weitest entfernte Steuerung ihren Dienst tut?

Schneider: Die ist in Neuseeland.

Fichtenbauer: Wir haben aber auch welche in Kolumbien und Südafrika.

Building Times: Wie kommen die auf die TA?

Fichtenbauer: Das sind manchmal Ausgewanderte, die ihren angestammten Beruf ausüben und die dann auf typisch europäische Marken zurückgreifen.

Building Times: Ist der Fachkräftemangel ein Problem für Sie?

Fichtenbauer: Wir sind jetzt 55 Mitarbeiter und in der Elektronikfertigung arbeiten wir derzeit im Zweischichtbetrieb. Wir haben ein Spitzenteam und suchen derzeit nicht aktiv, das kann sich aber schnell ändern, weil wir in der Endmontage am Limit sind. Wenn sich ein wirklich guter Techniker bei uns meldet, so finden wir auch Arbeit, denn Ideen haben wir noch jede Menge.

Building Times: Gibt es ein Projekt, auf das Sie besonders stolz sind?

Schneider: Da gibt es eine ganze Reihe. Wir haben unsere Geräte in großen Bürotürmen als Teil des Ganzen und auch zum Beispiel in vielen deutschen Supermärkten, wo die Kühlketten der Gefrierschränke mit unseren Reglern überwacht werden.

Building Times: Hr. Fichtenbauer, Sie sind seit mehr als dreißig Jahren am Markt. Was hat sich seither am meisten geändert?

Fichtenbauer: Der generelle Wandel in der Technik und damit auch in der Gesellschaft durch die Digitalisierung. Es ist einfach ein Wahnsinn, wie mittlerweile alle physikalischen Gesetze, die wir in der HTL als absolute Grenzen der Machbarkeit erlernt haben, über den Haufen geworfen wurden. Besonders spannend für mich ist aber auch, was wir mittlerweile an Rechnerleistung für lächerliche Aufgaben benötigen. Mit dem Commodore 64 konnten wir am Farb-TV schon Impossible Mission spielen. Der war damals mit acht Bit auf 4 MHz getaktet. Was wir heute fahren, weiß jeder. Für eine derartige Aufgabe kommen Techniker ohne Gigabyte und Gigaherz gleich gar nicht mehr aus.

Building Times: Dafür ist alles bunter geworden, oder nicht?

Fichtenbauer: Ja, und aus Drehknöpfen und Schaltern wurden Farb-Streichel-Displays mit komplexen Menüs, die trotz toller Grafiken das Leben aber nicht wirklich vereinfachen. Das geht so weit, dass eine Bluetooth-Handbrause mit App Vorteile haben soll.

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