Grünes Gas – eine Hoffnungsressource

Grünes Gas sei zur Vermeidung von CO2 günstiger als Windkraft und Photovoltaik und würde heimische Wertschöpfung bringen, zeigt eine Studie der WU Wien. Aber: Zur Produktion von Green Gas für die Raumwärme wären bis zu tausend Großanlagen erforderlich.

Das türkis-grüne Regierungsprogramm sieht ab 2015 ein Auslaufen der Gaskessel-Neuanschlüsse im Neubau vor. Das mag da und dort weht tun, im Grunde ist der Gasboom im Neubau aber ohnehin vorbei. Fernwärme, Wärmepumpe, Pellets und Hackgutkessel haben an Terrain gewonnen.

Abgesehen von Tirol wird hierzulande auch das Gasnetz kaum mehr ausgebaut. Ob sich diese Investitionen jemals amortisieren, wenn in ein paar Jahren keine Kunden mehr dazukommen, wird maximal das Tigas-Management beschäftigen. Sonst aber trifft das Vorhaben der Regierung in Sachen Erdgas weder Energieversorger noch Bauträger sehr heftig. Auch die Gaskessel-Hersteller haben sich längst mit anderen Technologien eingedeckt.

Weitaus komplexer ist die Herausforderung den Einsatz von Erdgas im Bestand zu reduzieren. Landesweit liefern hunderttausende Gasthermen Raumwärme und Warmwasser. Sie lassen sich nicht ohne richtig großen Aufwand flächendeckend durch Wärmepumpen, Pellets und Fernwärme ersetzen. Einfacher und kosteneffizienter wäre es, die vorhandene Gasinfrastruktur zu nutzen und Erdgas durch Biogas zu ersetzen. Das meint zumindest der Fachverband Gas Wärme. Um diese Sichtweise zu untermauern hat der Verband Untersuchungen in Auftrag gegeben, die den Einsatz von grünem Gas sinnvoll und logisch erscheinen lassen.
Die Frage ist, ob, wie und wann. „Ohne Markteingriffe können Erneuerbare nicht etabliert werden“, sagt Eva Pichler, vom Institut für Volkswirtschaft und Industrieökonomie der WU Wien. Sie und Christian Helmenstein vom Economia Institut für Wirtschaftsforschung haben sich zuletzt intensiv dem Thema Green Gas gewidmet. Wie hoch die Kosten für die Reduktion von CO2 und Etablierung von Erneuerbaren Energien ausfallen, hängen von der Technologie und vom Modell der Förderung ab. Die Vermeidung von einer Tonne CO2 beträgt beim Strom aus Windkraft 107 Euro so Pichler. Mit der Photovoltaik kostet die Vermeidung 96 Euro.
Wird mit Biogas Ökostrom erzeugt, kostet die Vermeidung einer Tonne CO2 satte 321 Euro. Um eine Tonne CO2 für die Raumwärme zu kompensieren würden in großen Biogasanlagen lediglich 60 Euro anfallen. Bei der Windkraft und der Photovoltaik sind die Kosten deshalb so hoch, weil diese Technologien die Energie nur volatil liefern und daher Gasturbinen als Reservekapazität bereitgestellt werden müssen, so die WU-Expertin. Gas hingegen sei speicherbar und Österreich verfüge über eine Speicherkapazität, die den Jahresbedarf abdecken kann.

Blühende Anlagenlandschaft

Um entsprechende Mengen an Grünem Gas produzieren zu können bräuchte es landesweit 500 bis 1.000 mittelgroße und große Anlagen. Damit könnten bis zu 2 Milliarden Green Gas erzeugt werden, so eine Prognose. Zum Vergleich: Die derzeit in Österreich installierten Biogasanlagen produzieren rund 70 Millionen Kubikmeter Gas. Zu einem sehr hohen Preis, weil daraus Ökostrom produziert wird und dementsprechend hohe Förderkosten anfallen. Würde grünes Gas zum Verheizen erzeugt, wäre das volkswirtschaftlich weitaus günstiger. Auch deshalb, weil der Bau und Betrieb der Anlagen mit heimischer Wertschöpfung verbunden wäre. „Derzeit werden die ineffizientesten Anlagen am meisten gefördert“, erklärt Pichler. Um welche Dimensionen es dabei geht verdeutlicht sie anhand eines Beispiels: Die bis 2030 einzusparenden 15,4 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente ließen sich mit effizienter Technologie um 449 Millionen Euro darstellen. Mit der ineffizientesten Technologie fallen für dieselbe Energiemenge hingegen nahezu 5 Milliarden Euro an. so Pichler. „Die CO2-Vermeidungskosten bei Biomethan liegen deutlich unter jenen der Windkraft – wenn Kostenwahrheit zugelassen wird“, betont Pichler. Sie schlägt als Förderinstrument der Zukunft ein smartes Marktprämienmodell vor. Das sieht eine Ausschreibung des Energievolumens durch die öffentliche Hand vor. Der Abnahmepreis soll dabei in Form von Auktionen an den Bestbieter gehen, so die WU-Expertin. Zum Zug kommen sollten inländische Anlagen mit positiven Beschäftigungs- und Wertschöpfungseffekten. „Substrate und Anlagen sind im Inland möglich und ermöglichen eine wettbewerbsfähige Energieversorgung“, erklärt auch Helmenstein. Und die Umsetzung könnte sofort gestartet werden. Sein Resümee: „Grünes Gas ist ein Game Changer für die Zielerreichung der Politik“, ist er überzeugt.
Das glaubt übrigens auch die Tigas: „In Zukunft wird die bestehende Infrastruktur zunehmend für den praktisch verlustfreien Transport und die Verteilung von Grünem Gas eingesetzt“, so der Versorger. Statt Solar- und Windkraftwerke bei einem Stromüberangebot vom Netz zu nehmen, könne überschüssiger Ökostrom genutzt werden, um Wasserstoff zu gewinnen, der ins Erdgasnetz eingespeist oder in einem weiteren Verfahrensschritt in synthetisches Methan werden kann. Das hätte dann dieselben Eigenschaften wie Erdgas.

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