„GEBÄUDE SPRECHEN“

Um die Nutzerzufriedenheit zu steigern, müsse man künftig in die Bauten hineinhören, erklärt Josef Stadlinger, CEO der Siemens Division Building Technologies Österreich, im Interview. Die Energieeffizienz bei Gebäuden sei inzwischen Pflicht. Die Kür liege in der Analyse, um aus Big Data Smart Data zu generieren, so der SBT-Chef. Die Aufgaben der Gebäudetechnik werden sich damit verändern. Es gehe darum, aus den Technologien neuen Nutzen zu stiften, so Stadlinger im Gespräch mit Franz Artner.

 

Building Times: Die Digitalisierung verändert in vielen Bereichen Prozesse und Strukturen. Mit welchen Veränderungen rechnen Sie in Ihrem Business in den nächsten fünf Jahren?

Josef Stadlinger: In der Gebäudeindustrie wird der Wandel nicht so radikal wie in anderen Bereichen. Wir werden auch morgen noch Gebäude haben. Und es wird auch weiterhin eine Mess-, Steuer- und Regeltechnik, einen Brandschutz und eine Sicherheitstechnik geben.
Aber es kommen zwei wesentliche Veränderungen auf uns zu: Einerseits wird sich das Thema Digitalisierung in der Planung viel mehr durchsetzen. Das Schlagwort dazu lautet BIM, also Building Information Modeling. Im Kontext von BIM redet man immer vom „digitalen Zwilling“ und meint damit ein digitalisiertes 3D-Modell, das Auskunft gibt, was eingebaut ist. Das ist aber kein digitaler Zwilling. Der setzt sich nämlich aus drei Grundelementen zusammen: Einmal das erwähnte 3D-Modell, das zeigt, was verbaut ist. Zweitens die gesamten Systemfunktionsdaten und die statistischen Daten, wie Vertragsdaten, Gewährleistungen und Serviceverpflichtungen. Drittens braucht es echte Performancedaten, mit denen sichtbar wird, ob ein System die Soll-Performance erzielt. Ist das nicht der Fall, lässt sich davon ableiten, was getan werden muss, um den Betrieb zu optimieren. Erst wenn alle drei genannten Elemente vorhanden sind, kann man von einem digitalen Zwilling reden.

 

Building Times: Wo steht Siemens BT bei BIM?

Stadlinger: Wir machen viele BIM-Projekte. Wir haben hier in Wien hochgradige BIM-Spezialisten, die nicht aus der Gebäudetechnik kommen, sondern den gesamtheitlichen Ansatz betrachten. Die arbeiten auch an Forschungsprojekten mit, und wir beginnen gerade damit, hier zwei Gebäude federführend in BIM aufzusetzen.

 

Building Times: Richtig große Projekte?

Stadlinger: Das bewegt sich im Bereich 60 Millionen Euro, allein der Civil Works-Part. Das sind Bauten, die wir als Konsortialführer mit BIM abwickeln. Der Start ist für den Sommer geplant.

 

Building Times: Das heißt, Sie sehen die Integration der Gewerke nicht mehr als die große Herausforderung?

Stadlinger: Wenn ich von Integration spreche, meine ich nicht, dass ein Brandmeldesystem ein Störsignal an die Hausleittechnik weitergibt – das ist Standard. Integration ist dann realisiert, wenn ich den Performance-Daten entnehmen kann, ob bald ein Alarmfall oder ein Service- oder Wartungsfall eintritt. Die wirkliche Integration und Digitalisierung ermöglicht uns der 30-300-3000-Hebel. Da reden wir nicht mehr über Technologien, sondern über die Einbeziehung des einzelnen Nutzers und seiner Bedürfnisse.

 

Building Times: Was ist der 30-300-3000 Hebel?

Stadlinger: Im Schnitt kann man rechnen, dass pro Person und Monat etwa 30 Euro Energiekosten anfallen. Wenn man hier 20 Prozent einspart, sind das 6 Euro. Rund 300 Euro rechnet man pro Person im Monat inklusive aller Assets – das sind alle Flächen, Möbel und die Büroausstattung mitgerechnet. Wenn hier 5 % gespart werden, sind Sie bei 15 Euro Einsparung. Rund 3000 Euro im Monat kann man pro Person als Gesamtkosten veranschlagen. Wenn die MitarbeiterInnen mit der Luftqualität zufrieden sind, wenn es nicht zieht und das Sicherheitsgefühl passt und das WLAN überall funktioniert, steigt die Zufriedenheit. Und die kann Unternehmen bis zu 10 Prozent Produktivitätssteigerung bringen. Das sind dann ganz andere Dimensionen.

 

Building Times: Das heißt, die Energieeinsparung ist zu vernachlässigen?

Stadlinger: Nein, das ist Standardportfolio, das wird tagtäglich gemacht und betrifft den erwähnten 30er-Hebel. Aber wir sind zusätzlich am 300er-Hebel dran, wo es um die bestmögliche Verfügbarkeit der Assets geht. Und wir gehen daran, den Nutzer und sein Wohlbefinden einzubeziehen. Das ist nicht so sehr ein Technikthema. Wenn man zum Beispiel die Feinstaubsensorik und den Benutzungsgrad kombiniert, kann man den Nutzern eines Besprechungsraumes empfehlen, Maßnahmen für bessere Luftqualität zu setzen – man kann sagen: Leute, lüftet oder macht eine Pause.

 

Building Times: Es gibt jedoch aus der Vergangenheit viele Gebäude, die noch ganz weit weg sind von solchen Ansätzen, oder nicht?

Stadlinger: Ja, das Bewusstsein verändert sich jedoch. Noch zählt es für Unternehmen, sich möglichst günstig einzumieten. Da werden zwei Euro Miete pro Quadratmeter gespart. Wenn die Mitarbeiter dann aber aufgrund der Luftqualität und Feinstaubbelastung im Büro unproduktiv sind, kostet das ein X-Faches. Jeder weiß, was dadurch bedingte Krankenstandstage kosten, das relativiert ein paar Euro weniger Miete sehr rasch.

 

Building Times: Die Lebenszykluskosten und die gesamtheitliche Betrachtung von Gewerken werden viel diskutiert. Gibt es hierzulande aktuelle Projekte der Siemens BT, bei denen die Integration der Technik vorbildlich umgesetzt wurde?

Stadlinger: Sehr viele. Die laufen bei uns unter dem Label „Total Building Solution“, wo also der Integrationsgrad sehr hoch ist. Projekte, bei denen die Integration der Technik umgesetzt wurde, sind zum Beispiel das Format-Werk in Wels und das Musiktheater Linz.

 

Building Times: Siemens Building Technologies hat im Geschäftsjahr 2017 weltweit ein Umsatzzuwachs von 7 % auf gut 6,5 Mrd. Euro erreicht. Ist BT in Österreich mitgewachsen?

Stadlinger: Wir sind um 8,5 Prozent gewachsen.

 

Building Times: In Österreich?

Stadlinger: Ja, im Direktumsatz in Österreich. Wenn ich die Zone East betrachte – hier sind auch die Türkei und Russland enthalten -, beträgt das Wachstum über 10 Prozent. Das hat aber mit einigen Großprojekten in der Türkei zu tun.

 

Building Times: Das heißt, es wird wieder weniger?

Stadlinger: Eher nicht, da wir bei einigen Projekten in der Vorbereitung sind, die das Wachstum eher steigern. So sieht das Bild derzeit aus.

 

Building Times: Das heißt, die Türkei läuft gut?

Stadlinger: Ja, es läuft eigentlich überall gut. Wir hatten in der Türkei eher einen Rückgang erwartet, der ist nicht eingetreten. Der Ausblick ist derzeit so, dass wir uns eher Gedanken machen müssen, wo wir die Ressourcen herbekommen. Das ist ein Problem, über das man gerne spricht.

 

Building Times: Suchen Sie derzeit Mitarbeiter?

Stadlinger: Ja, im Service suchen wir Mitarbeiter. Unser Advanced Service Center wird gerade zu einem Digital Service Center. Wir bauen dazu eine Gruppe von Datenanalysten auf, die aus den Daten, die wir aus rund 7000 Gebäuden gewinnen, Schlüsse ziehen.

 

Building Times: Was heißt das konkret?

Stadlinger: Ich sage immer bildhaft, dass „Gebäude sprechen“. Bei manchen Gebäuden fehlt zwar die Sprache, weil die notwendigen Hörpunkte, sprich die Sensorik, nicht oder nicht richtig gesetzt sind. Da sehen wir eine Lernkurve und wissen ziemlich genau, wo was zu tun ist. Weiters ist es wichtig, die „Dialekte von Gebäuden“ zu verstehen. Ein Krankenhaus spricht anders als ein Bürohaus, und auch eine Schule hat einen eigenen Dialekt. Wenn die typischen Muster aber einmal bekannt sind, lassen sich mit den richtigen Analysetools sehr viele Erkenntnisse gewinnen. Das sind ganz erstaunliche Dinge, die selbst unseren Experten manchmal ein „Aha“ entlocken. Diese Analysen geben uns auch die Chance, den Zufriedenheitsgrad und die Produktivität der Nutzer zu steigern.

 

Building Times: Das heißt, aus den vorhandenen Daten wird mehr Dienstleistung generiert?

Stadlinger: Echte Digitalisierung heißt, aus Big Data Smart Data zu machen, daraus echten Service zu generieren. Ich schildere dazu ein Beispiel: Es gibt in einem Meeting-Raum nach drei Stunden schlechte Luftqualität. Die Frage ist warum.

 

Building Times: Es wird die Luftwechselrate nicht stimmen?

Stadlinger: Ja, aber warum? Warum stimmte die Luftqualität vor drei Wochen noch? Warum sind die Nutzer plötzlich nicht mehr zufrieden? Üblich ist, dass dann jemand die Lüftungsfirma ruft und zwei Techniker feststellen, dass die Filter verstopft sind und die Lager vom Lüfter heiß gelaufen sein könnten. Dann werden Filter bestellt; weil im Backoffice aber nicht bekannt ist, ob der Filtertyp A oder B notwendig ist, verzögert sich der Tausch, und die schlechte Luft besteht weiter. Stellen Sie sich aber vor, es gibt ein System, das Ihnen vorab mitteilt, dass von acht Filtern bei dreien demnächst ein Problem auftreten wird. Weil ersichtlich ist, dass die Lüftungsanlage in diesem Gebäudeteil viel mehr Laufzeit hat als anderswo. Dann lässt sich schon vorab auf künftige Probleme reagieren. Es könnte aber – um beim Beispiel zu bleiben – auch sein, dass der Motor des Lüfters einen Schaden hat. Wir erkennen das, weil wir spezielle Algorithmen ausgearbeitet haben, die die Stromaufnahme des Motors erfassen, und erkennen damit Abweichungen. Zugleich erfassen wir den Vordruck und den Nachdruck in der Anlage und können damit erkennen, ob die Filter das Problem sind oder der Lüfter selbst.

 

„ECHTE DIGITALISIERUNG HEISST, AUS BIG DATA SMART DATA ZU MACHEN.“

 

Building Times: In einem Lagebericht zu Österreich ist die Rede davon, dass das Thema Energieeffizienz nach wie vor der Haupttreiber des Wachstums ist. Bremst der moderate Ölpreis nicht das Geschäft?

Stadlinger: Der Return on Invest für Investitionen zur Reduktion von Verbrauch ist länger geworden. Aber wir haben das Thema Klimaschutz, der jeden Einzelnen und jedes Unternehmen fordert – einfach weil es eine gesellschaftliche Verpflichtung ist. Und die erfüllen viele Firmen, auch die öffentliche Hand war nicht ganz untätig mit den Schulpools und ähnlichen Dingen. Unterm Strich ist es so, dass bei uns das Geschäft mit Energieeffizienz stärker wächst als jenes mit Standard-Gebäudetechnik. Hätten wir höhere Energiepreise, wäre das ausgeprägter.

 

Building Times: Wie geht es ihnen mit der Siemens SGS? Es gibt immer wieder Gerüchte, dass dieser Teil verkauft werden soll. Stimmt das?

Stadlinger: Dieses Gerücht ist flexibel und kommt und geht. Die SGS steht nicht zum Verkauf, sie ist ein hervorragendes Unternehmen. Sie wird es auch sein, die das genannte BIM-Projekt umsetzt. Das Know how dazu werden sie in wenigen anderen Facility Management Firmen finden. Die SGS betreibt nebenbei bemerkt auch acht Datencenter und sie betreibt auch Gebäude komplett. Die SGS ist übrigens auch Konsortialführer beim Schul-Campus Wien Stammersdorf. Wir sind froh, dass wir die SGS haben.

 

Building Times: Haben Sie aktuelle Wünsche an den Gesetzgeber?

Stadlinger: Das Energieeffizienzgesetz so gestaltet werden, dass tatsächlich Maßnahmen gesetzt werden müssen. Und bei öffentlichen Gebäuden wäre auch noch Potenzial zur Steigerung der Effizienz.

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