Geothermie auf dem Weg in den Massenmarkt
Auf der GeoTherm 2026 in Offenburg (D) zeigt Fraunhofer IEG, wie neue Technologien, Standardisierung und digitale Werkzeuge die Erdwärme skalierbar machen sollen. Im Fokus stehen Quartierslösungen, Wärmenetze, Wärmepumpen sowie Innovationen in der tiefen und oberflächennahen Geothermie.
Der Untergrund rückt zunehmend in den Mittelpunkt der Wärmewende. Stadtwerke, Kommunen und Industrieunternehmen prüfen verstärkt, wie sich geothermische Ressourcen in tragfähige Versorgungskonzepte integrieren lassen. Rückenwind erhält die Branche durch politische Initiativen wie das Geothermiebeschleunigungsgesetz sowie durch strategische Roadmaps von Fraunhofer-Gesellschaft und Helmholtz-Gemeinschaft. Demnach könnten perspektivisch bis zu drei Viertel der Bestandsgebäude mit oberflächennaher Geothermie klimatisiert werden; zudem ließe sich ein signifikanter Anteil des Wärmebedarfs von Wärmenetzen und Industrie durch tiefe Geothermie decken.
Schwerpunkt auf Oberflächen-Geothermie
Auf der Messe in Offenburg werden aktuelle Forschungs- und Entwicklungsansätze vorgestellt, die auf eine Industrialisierung der Geothermie abzielen. Gemeint ist damit der Übergang von projektbezogenen Einzellösungen hin zu standardisierten, replizierbaren Systemen mit klar definierten Prozessen – sowohl über als auch unter Tage. Neben regulatorischen Fragen stehen dabei Qualifizierung, Kapazitätsaufbau und technologische Harmonisierung im Vordergrund.
Ein Schwerpunkt liegt auf der oberflächennahen Geothermie im Gebäudebestand. Neue Schrägbohrverfahren sowie integrierte Planungswerkzeuge sollen die Erschließung bislang schwer zugänglicher Reservoirs unter Bestandsgebäuden ermöglichen. Gerade in dicht bebauten Quartieren eröffnet dies zusätzliche Optionen für eine klimaneutrale Wärme- und Kälteversorgung. Gleichzeitig wird betont, dass eine systemische Betrachtung – von der Quelle über die Wärmepumpe bis zur Einbindung ins Netz – entscheidend für Wirtschaftlichkeit und Betriebssicherheit ist.
Spezielle Bohrtechniken beschleunigen Tiefenausbau
Auch im Bereich der tiefen Geothermie schreitet die Technologieentwicklung voran. Spezifisch auf geothermische Reservoirs abgestimmte Bohrtechniken, verschleißarme Werkzeuge für Hartgestein sowie verbesserte Monitoring- und Prognoseverfahren sollen die Effizienz steigern und Projektrisiken reduzieren. Digitale Zwillinge und Methoden des maschinellen Lernens unterstützen dabei die Integration geologischer Daten unterschiedlicher Skalen und ermöglichen eine fortlaufende Anpassung von Modellen im Projektverlauf.
Reallabor Geothermie Rheinland
Ein Beispiel für die Verzahnung von Forschung und Anwendung ist das „Reallabor Geothermie Rheinland“ im Rheinischen Revier. Dort entsteht in den kommenden Jahren eine Forschungsplattform zur Erkundung und Erschließung geothermischer Potenziale. Ziel ist es, belastbare standortbezogene Aussagen zu Wärmeleistung, Erschließungsaufwand und Betriebsstrategien zu entwickeln, um Vertreter:innen aus Industrie, Stadtwerken und Kommunen eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten.
Wärmespeicher in alten Kohlerevieren
Ein weiterer Baustein für die Systemintegration sind großvolumige Wärmespeicher. In ehemaligen Kohlerevieren werden wassergefüllte Grubengebäude als saisonale Speicheroptionen untersucht. Erste Projekte zeigen, dass sich stillgelegte Zecheninfrastruktur in urbane Wärmenetze einbinden lässt. Damit könnten fossile Hinterlassenschaften perspektivisch in Elemente einer nachhaltigen Energieversorgung überführt werden.



