Zirkuläres Bauen in Diskussion

Saubermacher brachte führende Vertreter:innen aus Bauwirtschaft, Finanzsektor, Industrie und Planung in Wien zusammen, um die Rolle der Kreislaufwirtschaft als wirtschaftliche Chance zu diskutieren.

Die Bau- und Immobilienwirtschaft steht vor einem strukturellen Wendepunkt. Regulatorische Anpassungen auf EU-Ebene, steigender Ressourcenbedarf und ein anhaltender Wohnraummangel treffen auf eine konjunkturell angespannte Lage.

Ausgangspunkt der Diskussion waren die jüngsten Änderungen durch die EU-Omnibusverordnung, die zentrale Elemente der CSRD und der EU-Taxonomie zeitlich verschieben und inhaltlich entschärfen. Der Tenor der Veranstaltung: Der Blick in die Zukunft ist grundsätzlich positiv. Kurzfristig reduzierte bürokratische Anforderungen ändern jedoch nichts an der strategischen Richtung. Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft bleiben zentrale Leitplanken für den Bausektor. Erst in der Vorwoche wurde mit dem Beschluss des Nachhaltigkeitsberichtsgesetzes im österreichischen Nationalrat die CSRD in nationales Recht überführt. Mit dem VSME wurde zudem EU-weit ein freiwilliger Nachhaltigkeitsberichtsstandard für kleine und mittlere Unternehmen geschaffen, die nicht unter die gesetzliche Berichtspflicht fallen, Geschäftspartnern aber dennoch Daten zur Nachhaltigkeit bereitstellen möchten.

Bausektor für Klimaziele zentral

Die österreichische Bauwirtschaft stellt mit rund 360.000 Beschäftigten und einem Umsatzerlös von über 72 Mrd. Euro (2023)[1] nach wie vor einen der wichtigsten, gleichzeitig aber ressourcenintensivsten Wirtschaftszweige dar. Mit einem Anteil von 73% am bundesweiten Abfallaufkommen (rd. 49 Mio. Tonnen) galt der Bausektor im Jahr 2023 zudem als größter Abfallerzeuger Österreichs[2]. Kreislauffähiges Bauen ist daher ein zentraler Hebel, um Klimaziele zu erreichen und Abhängigkeiten von Primärrohstoffen zu reduzieren. Verankert in CSRD und EU-Taxonomie, kann Zirkularität im Bauen trotz vermehrtem Dokumentationsaufwand als Wettbewerbschance verstanden werden. Seit deren Inkrafttreten entsteht erstmals eine einheitliche, stetig wachsende vergleichbare Datengrundlage. Durch gezielte Digitalisierung kann dieses Potential von Unternehmen entsprechend genutzt werden.

Wohnraummangel, Investitionen und Fachkräfte als Engpass

Potentielle Hemmnisse für intensive Bauaktivitäten zeigen sich in finanzieller und personeller Sicht: Verhaltene Investitionen durch Preiserhöhungen führten europaweit zu einem Anstieg an nicht realisierten Projekten, besonders im Wohnbau. Im europäischen Kontext fehlen zumindest 1 Mio. Wohneinheiten. Eine Belebung des Marktes wird frühestens ab 2027 erwartet. Das gelingt jedoch nicht ohne Fachkräfte: Rund 70% der österreichischen Unternehmen berichten mittlerweile über Probleme in der Personalrekrutierung. Ziel von Unternehmen muss es daher sein, den Spagat zwischen Produktivitätszuwachs trotz Personallücke zu schaffen. Hebel bieten sich im Einsatz von künstlicher Intelligenz zur Reduktion von Planungszeiten und Fehlerquoten, verstärkter Mitarbeiterbindung und einem ganzheitlicheren Recruitingansatz, der über österreichische Grenzen hinaus etwa auch Osteuropa im Blick hat.

Kreislaufwirtschaft braucht Daten, Infrastruktur und Markt

Berichterstattung zum Nachweis einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft ist jedoch nur ein Schritt des Weges. So fordert die EU-Taxonomie für Bau- und Abbruchaktivitäten, dass mindestens 70% der nicht gefährlichen Bau- und Abbruchabfälle wiederverwendet oder recycelt werden. Materialien müssen dazu bereits beim Rückbau und während der Bauphase sauber getrennt, dokumentiert und gezielt verwertet werden. Systemdienstleister wie Wastebox.biz unterstützen bei der Überwachung und Dokumentation der Abfallentsorgung und schaffen die nötige Transparenz und Datenbasis für Taxonomie- und Reportinganforderungen. Regulatorisch getriebene Transformation beweist auch die Recyclinggips-Verordnung sowie das Deponieverbot für Gipskartonplatten. Mit der In¬be¬trieb¬nah¬me ih¬res Re¬cy¬cling¬werks in Sto¬ckerau im Herbst 2025 schafft die GzG Gips¬re¬cy¬cling GmbH, ein Joint-Ven¬ture von PORR, Saint-Go-bain und Sau¬ber¬ma¬cher, den ers¬ten ge¬schlos¬se¬nen Gips¬kreis¬lauf in Ös¬ter¬reich und hat die gesetzlich notwendige gemachte Recyclinginfrastruktur geschaffen. Ein zentraler Faktor ist dabei jedoch auch ein funktionierender Markt. Dieser kann sich nur entwickeln, wenn die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Sekundärrohstoffen steigt. Solange jedoch der Einsatz von Primärmaterial günstiger ist, ist der Durchbruch schwierig.

Gemeinsam schaffbar: Teamplay Kreislaufwirtschaft

Was sich zeigt: Zirkuläres Bauen steht trotz regulatorischer Anpassungen nicht vor dem Aus. Im Gegenteil, die Kombination aus Wohnraumbedarf, Ressourcendruck und Investorenfokus auf ESG macht Kreislaufwirtschaft zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Regulierung. Zirkularität im Bauwesen braucht keine Einzelkämpfer, sondern Teamplay, wie auch Hans Roth, Sau¬ber¬ma¬cher-Grün¬der, bestätigt: „Kreis¬lauf¬wirt¬schaft am Bau ist nur ge¬mein¬sam mit der In¬dus¬trie mög¬lich. Als Entsorgungsunternehmen braucht es dafür auch Mut zur Innovation. Doch ich bin überzeugt, dass wir mit unseren Partnern gemeinsam Akzente setzen können am Weg zu unserer Vision von Zero Waste.“