Bürohaus ohne Heizung

Eine 65-er Ziegelwand ermöglicht in einem fünfstöckigem Münchner-Bürohaus Behaglichkeit ohne Heiztechnik. Die Grundidee stammt aus Vorarlberg.

„Ist es möglich, ein ganzjährig behagliches Gebäude ohne Heizung und Klimaanlage auf wirtschaftliche Weise zu realisieren?“ – diese Frage stellen sich immer mehr Planer und Investoren im Zeichen des Klimaschutzes. Eine Antwort liefert ein im November 2021 fertiggestelltes fünfgeschossiges Bürohaus in München-Gräfelfing. Dort übernimmt die Gebäudehülle eine zentrale Rolle für den thermischen Komfort. Ein mineralisch gefüllter Ziegel mit einer Wandstärke von 65 cm sorgt ganzjährig für Temperaturen zwischen 22 und 26 °C – und das ohne aufwendige Gebäudetechnik.
Der Bauherr, die Heinrich Nabholz KG, wünschte sich für ihre Hauptverwaltung im Westen Münchens ein besonders nachhaltiges Bürogebäude. Nachhaltigkeit und Energieeffizienz sind Teil der Unternehmensphilosophie. Die Idee, auf Heiz- und Klimatechnik vollständig zu verzichten, entstand im engen Austausch mit dem Auftraggeber – aus ökologischen und ökonomischen Gründen“, erklärt Architekt Bernd-Simon Schwarz vom Schwarz Architekturbüro Altdorf „Neben den hohen Anschaffungs- und Installationskosten hat auch der Wegfall der erheblichen Wartungskosten von Heiz- und Klimatechnik zu dieser Entscheidung beigetragen.“

Inspiration aus Lustenau

Das Gebäude misst 52 x 15,20 Meter und bietet fünf oberirdische Geschosse. Das zurückgestaffelte vierte Stockwerk schafft Raum für eine Dachterrasse mit besonderer Atmosphäre.
Das Konzept orientiert sich am bekannten „Bürohaus 2226“ im österreichischen Lustenau, das architektonisch beweist, dass Komfort ohne technische Klimatisierung möglich ist. Durch optimierte Außenwände, speicherfähige Decken und ein intelligentes Lüftungskonzept wird ein stabiles Raumklima geschaffen. Diese Bauweise greift eine uralte Idee auf: Schon antike Baumeister regulierten Temperaturen mit massiven, speicherfähigen Wänden – ganz ohne moderne Technik.

Lüftungskonzept sichert Frischluft und Behaglichkeit

„Bei der Raumkonzeption gingen wir jedoch andere Wege,“ betont Schwarz. „Rund 70 Prozent der Fläche wird künftig an Fremdnutzer vermietet. Daher wollten wir nicht nur Großraumbüros umsetzen, sondern auch abgeschlossene Büroeinheiten ermöglichen.“ Eine wichtige Voraussetzung für das Gebäudekonzept war die Schaffung eines großen, zusammenhängenden Raumes mit natürliche Luftzirkulation, motorisierte Fensterklappen und Überström-Elemente aus Holz, die auch bei geschlossenen Büroräumen eine gute Querlüftung ermöglichen. Dadurch lässt sich flexibel zwischen Großraum- und Einzelbüros wechseln – ein Plus für Komfort und Akustik.

Monolithisches Mauerwerk aus Coriso Ziegelsteine

Die Planung richtete sich mit besonderem Augenmerk auf den Aufbau und die Dimensionierung der Außenwände, um optimale bauphysikalische und nutzungsorientierte Eigenschaften zu erzielen. Wie beim Bauwerk in Lustenau entschieden sich die Planer aufgrund der gleichermaßen guten wärmedämmenden wie speichernden Eigenschaften für ein monolithisches Ziegelmauerwerk von Leipfinger-Bader – konkret die Systeme WS08 Coriso (Außenschale) und WS10 Coriso (tragende Innenschale).
Da sich jeder Zentimeter eingesparter Außenwanddicke in zusätzlicher Nutzfläche auszahlt, wird durch den Einsatz der dämmstoffgefüllten „Coriso“-Ziegel die Dicke der Gebäudehülle minimiert. Beim Lustenau-Gebäude beträgt die Wandstärke noch 81,8 Zentimeter; beim Münchener Projekt konnte sie durch die Kombination einer 30 Zentimeter starken Außenschale und einer 30 Zentimeter starken Innenschale auf 65 Zentimeter reduziert werden.
Mit dieser Konstruktion erzielt das monolithische System einen hervorragenden U-Wert von 0,143 W/(m²K) – ein Spitzenwert für rein monolithische Bauweise ohne zusätzliche Dämmung.

Energieeffizienz dank Speichermasse

Das Bürogebäude wurde gemäß dem Effizienzhausstandard 55 für Nichtwohngebäude errichtet. Statt konventioneller Heiztechnik nutzen die Büroräume ausschließlich natürliche Wärmequellen wie Körperwärme, Beleuchtung und Computer. Deren Abwärme wird in der massiven Ziegelhülle und den 24 Zentimeter dicken Stahlbetondecken gespeichert und zeitverzögert wieder abgegeben, was ganzjährig ein stabiles Raumklima gewährleistet.
Um Wärmeverluste zu vermeiden, wurden sämtliche relevanten Anschlussbereiche – etwa zwischen Fensteröffnungen und Mauerwerk oder bei der Anbindung der Dachhaut – präzise wärmebrückenoptimiert. Detaillierte Simulationen bestätigten die Wirksamkeit dieser Maßnahmen: Das Gebäude hält das ganze Jahr über eine konstante Temperatur von 22 bis 26 Grad Celsius – ganz ohne klassische Heizsysteme.

Gebäudemodell ohne Haustechnik

Das Bürohaus in München-Gräfelfing zeigt, wie nachhaltiges Bauen mit monolithischem Mauerwerk gelingt. Mit einer 60 kWp-Photovoltaikanlage, 16 E-Ladestationen und einem wartungsfreien Betriebskonzept setzt es Maßstäbe für energieautarke und klimafreundliche Bürogebäude.
Dank der reibungslosen Zusammenarbeit aller Beteiligten wurde das Projekt termingerecht bis Ende November 2021 fertiggestellt; kurz darauf zogen die ersten Nutzer ein. „Die Wintermonate sind sozusagen der erste Härtetest“, erklärt Architekt Schwarz. „Wir haben bei der Planung auch berücksichtigt, dass die individuellen Ansprüche an Behaglichkeit sehr unterschiedlich sind. So wurde für warme Sommermonate ein außenliegender Sonnenschutz aus Raffstores eingeplant, obwohl er als Hitzeschutz nach den durchgeführten Berechnungen nicht erforderlich ist.“
Schwarz hofft für die Zukunft, dass das Gräfelfinger Bürohaus zu einem Gesinnungswandel bei der Gebäudeplanung beiträgt: weg von der technischen Überfrachtung eines Bauwerks zurück zu möglichst wartungsfreien Gebäuden mit geringen Folgekosten.

Bautafel
• Bauherr: Heinrich Nabholz KG, Gräfelfing
• Planung: Schwarz Architekturbüro, Architekt M.A. (TUM) Bernd-Simon Schwarz
• Nutzfläche: ca. 2.800 m²
• Errechneter Jahresheizwärmebedarf: 46,8 kWh/m²a