Der Bart bleibt

Elektronische Zutrittssysteme leiden derzeit vor allem unter dem Kostendruck im Wohnbau. Klassische Schlösser und Schlüssel zeigen ein beachtliches Beharrungsvermögen.

Der Zutritt zu Wohnungen und Hörsälen, Häusern und Shops in Einkaufszentren, etc. mittels App, Fingerabdruck, Chips, PIN-Codes, usw., also ohne Mechanik, ist technisch längst gegessen, in der Praxis aber derzeit kaum auf der Überholspur. Schloss und Schlüssel mit Bart haben noch längst nicht ausgedient.
„Die mechanischen Systeme sind leider viel zu viel, im Wohnbau ist es mit 99 Prozent ganz schlimm“, sagt Peter Zehetner im Gespräch mit Building Times. Der Alleineigentümer der Wiener Schloss & Riegel GmbH sieht vor allem die Kosten als Bremse. „Teilweise sind das 250 Euro bis 300 Euro ohne Mehrwertsteuer. Und Generalunternehmer drücken ihre Kosten im Neubau auch bei den Zutrittssystemen“. Wo viele Türen und Leute seien, kämen elektronische Systeme vermehrt zum Einsatz, aber seine Firma sei nicht so sehr vom Neubau abhängig.
Schloss & Riegel verfügt jedoch über ein Alleinstellungsmerkmal, denn mit dem finnischen iLOQ-Programm bieten die Wiener als Einzige ein System „ohne Batterien im Schlüssel und keine am Schloss“ an. Zehetner will mit seinen sechs Standorten heuer zwölf Millionen Euro umsetzen, im Vorjahr waren es zehn gewesen. Im Portfolio sind auch Alarm- und Videosysteme „für viele große Ketten“, so Zehetner.

Erfinder der Kabellosigkeit
„Wir verkaufen Beratungsleistungen und Produkte“ erklärt Wilfried Hirmann, Geschäftsführer der Essecca GmbH mit der Zentrale in Bad Fischau. „Wir vertreten in Österreich exklusiv die baskische Salto Gruppe, weltweit in den Top 3 der Branche, die Erfinderin der kabellosen Zutrittssysteme. Zu bedienen per Handy, Chip oder Zugangskarte“. Diese seien relativ einfach verteilbar und das System könne auch Zutritts-Protokolle anlegen, „was manchmal Thema mit Betriebsräten ist“, wie Hirmann anfügt. Und: Die Mechanik sei nur noch eine Ergänzungslösung zur Elektronik. „Wir sind sehr stark auf Unis vertreten, haben den höchsten Sicherheitsstandard, genauso wie beim E-Banking, arbeiten mit Hochsicherheits-Rechenzentren und haben auch Cloud-Lösungen“, hält der Essecca-Geschäftsführer fest. Und was passiert bei einem Hack? „Wenn die oder der Hacker:in in die IT des Betreibers eindringt, dann herrscht Stillstand“. Essecca ist vor zehn Jahren aus der Evva hervorgegangen, hat damals 9,9 Millionen Euro Umsatz gemacht, im Vorjahr einen Auftragseingang von 25 Millionen Euro verzeichnet und plant für heuer mit 115 Mitarbeiter:innen 27 Millionen Euro.

Urmutter Evva
Für die Evva Sicherheitstechnologie GmbH, Urmutter aller österreichischen Schloss- und Schlösser-Anbieter, erklärt Erich Gärtner, Abteilungsleiter des Produktmanagements Elektronik, dass die Elektronik eine immer größere Rolle spiele. Evva offeriert mit Airkey und Xesar zwei elektronische Systeme. „Über alle Objekte betrachtet, herrscht steigender Bedarf“. Sowohl im Neubau, als auch bei Renovierungen, Sanierungen und Erweiterungen. In Österreich herrsche jedoch die Tendenz, die gestiegenen Baukosten durch günstigere Produkte zu ersetzen. „Wo im Wohnbau früher gemischte Anlagen eingebaut wurden, werden jetzt mechanische genommen“, so Gärtner. „Unser großer Vorteil ist die sehr große Fertigungstiefe, weil wir dadurch weniger Zulieferer brauchen. Die elektronischen Bauteile werden zugekauft, alle mechanischen Elemente werden in Wien gefertigt. Unser Wettbewerbsvorteil besteht in der Integration der Breite“, so der Evva-Manager. Seine Firma erzeuge Hybrid-Zylinder, elektronische Motor-Zylinder und die verbindenden Produkte. Für die Außenhülle elektronisch, für Wohnung und Keller mechanisch. „Ungefähr 12 Prozent des Umsatzes entfallen auf elektronische Zutrittssysteme und die Tendenz ist ganz stark steigend“. Im Vorjahr hat Evva 92 Millionen Euro umgesetzt, heuer werde „vorsichtig auf Sicht gefahren, denn wir haben unsere Baulücke am Wienerberg geschlossen und Maschinen gekauft“. Die Evva-Gruppe hat rund 750 Mitarbeiter:innen, davon sind 460 in Wien stationiert.

Rekorde bei Nuki
Die Grazer Nuki Home Solutions GmbH, nach Eigendefinition europäischer Marktführer bei der Nachrüstung mit smarten Türschlössern, meldet indes neue Rekorde. „500 Millionen schlüssellos geöffnete Türen, mehr als 400.000 aktive Nutzer:innen, mehr als 133.000 verkaufte Smart Locks: 2022 ist für Nuki erfolgreichstes Jahr der Firmengeschichte“, wurde jüngst verbreitet. Dementsprechend zufrieden ist Firmengründer Martin Pansy im Gespräch mit Building Times: „Damit lag das Wachstum knapp unter 50 Prozent und heuer sind wir sehr, sehr gut gestartet“. Zahlen dazu nennt Nuki traditionell keine. Im Vorjahr hat das aws zehn Millionen an Förderungen geliefert und „unterstützt damit wesentliche Forschungs-Anforderungen an die nächste Generation“. Diese öffentliche Förderung konnte schwerlich geheim bleiben. Da Nuki ein klassisches Nachrüst-Produkt darstelle, sei man dem Neubau nicht so ausgesetzt. In bestehenden Gebäuden laufe der Megatrend der Digitalisierung. „Wir können fast jedes Schloss nachrüsten bis auf manche Altbau-Türen“. Der Vertrieb erfolgt laut Pansy zu „etwa einem Drittel über den eigenen Online-Shop, rund die Hälfte wird im Retail On- und Off-line umgesetzt, bei Amazon, MediaMarkt & Co. und der Rest über Nuki pro, Fachhändler und B2B“.