Bauwirtschaft: Strukturkrise statt Konjunkturdelle

Kosten- und Zinsexplosion, Überregulierung und Fachkräftemangel belasten die Branche massiv. Bau- und Immobilienexperte Klaus-Peter Stöppler sieht keine schnelle Entspannung.

Die deutsche Bauwirtschaft ist mit erheblichen Belastungen in das Jahr 2026 gestartet. Nach Einschätzung von Bau- und Immobilienfachmann Klaus-Peter Stöppler handelt es sich um keine kurzfristige Schwächephase, sondern um eine tiefgreifende strukturelle Krise. Die Branche wirke dabei als Frühindikator für die Gesamtwirtschaft und mache grundlegende Probleme des Standorts Deutschland sichtbar.

Immer wieder Krisen, immer wieder Erholung

Historisch betrachtet habe es immer wieder Einbrüche gegeben – etwa infolge der Ölkrisen der 1970er-Jahre, der Rezessionen der 1980er-Jahre oder nach dem Ende des Baubooms in Ostdeutschland Mitte der 1990er. Diese Krisen seien jedoch zeitlich oder regional begrenzt gewesen. Auch die Finanzkrise 2008 konnte durch niedrige Zinsen und staatliche Investitionen relativ schnell überwunden werden. Der anschließende Wohnungsbauboom zwischen 2015 und 2021 verdeckte viele strukturelle Schwächen.

2022 bringt Negativ-Wende

Seit 2022 habe sich die Lage jedoch grundlegend verändert. Eine Kombination aus stark gestiegenen Bau- und Energiekosten, deutlich höheren Zinsen und einem Rückgang der Neubaugenehmigungen belaste insbesondere den Wohnungsbau. Parallel dazu nähmen Bürokratie und regulatorische Anforderungen weiter zu. Energieeffizienzvorgaben, Nachhaltigkeitsstandards, Brandschutz- und Barrierefreiheitsauflagen sowie komplexe Förderstrukturen verlängerten Planungs- und Genehmigungszeiten erheblich und erhöhten die Kosten.

Hinzu komme der gesamtwirtschaftliche Abschwung. Unternehmen investierten zurückhaltender, Banken agierten vorsichtiger bei der Kreditvergabe und Kommunen verschöben Projekte. Die Nachfrage nach Gewerbeimmobilien sinke, unter anderem durch veränderte Arbeitsmodelle und eine schwächere Industrieproduktion. Industrie- und Infrastrukturinvestitionen verlagerten sich teilweise ins Ausland, was den Bau zusätzlich dämpfe.

Bau-Turbo und Infrastruktur-Sondervermögen greifen nicht

Auch politische Impulse hätten bislang nur begrenzte Wirkung entfaltet. Das angekündigte Sondervermögen für Infrastruktur und öffentliche Bauprojekte werde in der Branche zunehmend skeptisch gesehen, da ein Großteil der Mittel nicht unmittelbar in neue Bauvorhaben fließe. Gleichzeitig verschärfe der demografische Wandel die Situation: Der bevorstehende Ruhestand geburtenstarker Jahrgänge treffe auf jahrelang rückläufige Ausbildungszahlen im Bau- und Ausbaubereich.