Fehlende Daten bremsen Bau-Automation
Roboter und KI stehen bereit, doch Datenlücken bremsen die Baubranche aus, so die RWTH Aachen University .
Während die Planung und der spätere Gebäudebetrieb längst auf digitale Modelle setzen, klafft direkt auf den Baustellen eine erhebliche Lücke. Höchstens zehn Prozent der dort anfallenden Daten sind digital lesbar, schätzt Sigrid Brell-Cokcan, Leiterin des Bereichs Individualized Production an der RWTH Aachen University und Präsidentin der Association for Robots in Architecture. Diese fehlende Datengrundlage erschwert den Einsatz moderner Technologien wie Robotik und künstlicher Intelligenz spürbar, obwohl die technischen Werkzeuge weitgehend einsatzbereit sind.
Über Wege aus dieser digitalen Sackgasse diskutierten rund 250 Fachleute bei der Jahrestagung Bau, die Austrian Standards im Rahmen des „We Norm The Future Summit 2026“ gemeinsam mit der Bundesinnung Bau der Wirtschaftskammer Österreich veranstaltete. Eine der größten Herausforderungen bleibt die fehlende gemeinsame Sprache vernetzter Systeme. Thomas Mühl, Director Standards bei Austrian Standards, betonte: „Die Drohne liefert Daten. Der Roboter braucht Daten. Die KI lebt von Daten. Solange jede dieser Lösungen ihre eigene Sprache spricht, bleibt sie eine Insel.“ Abhilfe sollen maschinenlesbare Vorgaben, sogenannte Smart Standards, schaffen. Diese ermöglichen es Softwareprogrammen, BIM-Modellen und KI-Systemen, Normeninhalte direkt automatisiert zu verarbeiten.
Karl Glanznig, Geschäftsführer von Glanznig Bau und Vorsitzender des Baunormen-Ausschusses bei Austrian Standards, mahnte in seiner Eröffnungsrede jedoch klare Praxistauglichkeit an: „Eine neue Technologie allein löst noch kein Problem auf der Baustelle. Sie muss praxistauglich sein, sie muss wirtschaftlich sein, und sie muss zuverlässig in den bestehenden Planungs-, Bau- und Betriebsprozess integrierbar sein.“Dass automatisierte Lösungen vor Ort bereits heute gelingen können, belegen verschiedene Praxisbeispiele.
Roboter als Arbeits-Vorbereiter
Sigrid Brell-Cokcan untersucht mit ihrem Team seit sechs Jahren auf einer universitären Testbaustelle der RWTH Aachen, wie Maschinen kooperieren und Roboter Material eigenständig zum Einbauort transportieren oder künftig Arbeiten über Nacht vorbereiten können. Eine zentrale Grundvoraussetzung dafür sei eine stabile WLAN-Verbindung, die bereits bei der Baustellenplanung berücksichtigt werden müsse. Kamil Lagun, Geschäftsführer von AeroSurvey Solution, demonstrierte wiederum die Möglichkeiten einer Drohneninspektion an der Wiener Laurentiuskirche. Innerhalb von nur rund einer Stunde lieferte die Befliegung rund 1.600 Fotos. Damit ließen sich Schadstellen auf etwa einen Meter genau bestimmen, wodurch Sanierungsunternehmen gezielt ansetzen konnten, ohne vorab das gesamte Bauwerk einrüsten zu müssen.
Nasszelle mit Betondruck
Einen weiteren Meilenstein setzt der 3D-Betondruck. Eduard Artner, Leitung Geschäftsfeld 3D Betondruck bei Baumit Austria, berichtete über ein Salzburger Wohnbauprojekt, bei dem gedruckte Hohlkörper in einer Transferdecke zum Einsatz kamen. Dadurch konnten jeweils rund 40 Prozent an Bewehrungsstahl sowie Beton eingespart werden. Bei einem weiteren Vorhaben in Salzburg gelang es, eine komplette Nasszelle in lediglich sechs Stunden direkt auf der Baustelle zu drucken. Deutlich komplexer gestaltet sich die Digitalisierung allerdings im Gebäudebestand. Christian Oswald, Direktor Robotics von Joanneum Research, entwickelt Verfahren für die serielle Sanierung mit vorgefertigten Fassadenelementen. Damit soll die Bauzeit vor Ort auf lediglich ein bis zwei Tage pro Wohneinheit verkürzt werden. Erste Erfahrungen zeigen hierbei jedoch, dass Bestandsbauten oft individueller sind als gedacht und alte Bestandspläne nicht immer mit dem tatsächlichen Zustand übereinstimmen.
Fehlende Sensoren
Auch im laufenden Gebäudebetrieb fehlt es an verlässlichen Daten. Gregor Glatz, Gebäudetechnikexperte und Niederlassungsleiter bei Siemens Niederösterreich, wies darauf hin, dass die Systeme für einen weitgehend autonomen Betrieb zwar bereitstünden, es im Altbestand aber schlicht an Sensoren und Zählern mangele. Welches Einsparpotenzial in der Digitalisierung liegt, untermauerte Kevin Bauer-Hentschke, Gründer und Geschäftsführer von Wohnio: Sein Unternehmen erzielte durch die datenbasierte Optimierung von Heizanlagen in mehrgeschossigen Wohnbauten im Vorjahr durchschnittlich Einsparungen von rund 18 Prozent Energie. Die notwendigen Investitionen amortisierten sich in der Regel in weniger als drei Jahren. Florian Hornyik, BIM-Beauftragter bei Strabag, stellte fest, dass Building Information Modeling in Ausschreibungen derzeit noch die Ausnahme bilde, KI jedoch für einen raschen Wandel sorgen werde.
Digitaler Produktpass kommt
An der Podiumsdiskussion beteiligten sich zudem Monika Felzmann (Pema Real Estate Service) und Christoph Eichler (VIE Build). Zusätzlicher Handlungsdruck kommt auf europäischer Ebene durch den Digitalen Produktpass (DPP) für Bauprodukte auf die Branche zu. Gemeinsame Standards sollen dafür sorgen, dass Produktinformationen künftig zwischen unterschiedlichen Systemen ausgetauscht und über den gesamten Gebäudelebenszyklus hinweg genutzt werden können – von der Planung über Sanierung und Rückbau bis zur Wiederverwendung von Materialien. Während die Standards für die übergeordnete Umsetzung des DPP bereits fertiggestellt sind, wird an den ersten produktspezifischen Vorgaben etwa für Zement, Fenster und Türen gearbeitet. Otto Handle, Convenor CEN/Cenelec/JTC 24 WG4 Digital product passport - interoperability und Geschäftsführer von inndata Datentechnik, appellierte daher an Hersteller und Bauschaffende, Produktdaten und Lieferketten zeitgerecht vorzubereiten: „Beginnen Sie spätestens heute.“
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