buildingTIMES
Politik, Recht & Rahmenbuildingtimes.at
 / Lesezeit 2 min

Studie: Europa könnte PV selbst herstellen

Europa könnte mit selbst gefertigten Solarmodulen unabhängiger werden, ohne den Klimaschutz zu bremsen.

Die Energiewende in Europa verändert die Dynamik der globalen Rohstoff- und Technologiemärkte fundamental. Während die Relevanz fossiler Brennstoffe kontinuierlich sinkt, rückt die Frage nach der Herkunft der kritischen Infrastruktur für Solarenergie und Windkraft in den Fokus der Fachwelt. Eine aktuelle Untersuchung der TU Wien verdeutlicht nun, dass eine signifikante Stärkung der heimischen Produktion nicht nur machbar, sondern für die Versorgungssicherheit essenziell ist. Die energieökonomische Analyse erweitert bestehende Modelle erstmals um Faktoren wie Materialverfügbarkeit und Kreislaufwirtschaft. Für Fachplaner:innen und Bauträger zeigt sich damit eine verlässliche Perspektive für die langfristige Projektierung.

Heimische Technologie sichert Dekarbonisierung

Das primäre politische Fundament bildet der „Net-Zero Industry Act“ der Europäischen Union. Dieser gesetzliche Rahmen sieht vor, bis zum Jahr 2030 mindestens 40 Prozent des jährlichen Bedarfs an sauberen Schlüsseltechnologien innerhalb der EU-Grenzen zu fertigen. Neben Solarmodulen und Windkraftkomponenten betrifft dies explizit auch Batteriekraftwerke und industrielle Wärmepumpen. In der Branche kursierten wiederholt Bedenken, dass strenge Herkunftsvorgaben den Ausbautempo drosseln könnten. Dem widerspricht Sebastian Zwickl-Bernhard von der Energy Economics Group der TU Wien vehement und betont: „Unsere Modelle zeigen: Ein 40 %-Anteil heimischer Beschaffung ist im Bereich des Möglichen.“ Der Aufbau regionaler Fertigungsstätten gefährdet die Klimaziele demnach keineswegs.

Modellierung von 243 Zukunftsszenarien

Die wissenschaftliche Fundierung der Ergebnisse basiert auf der Berechnung von insgesamt 243 differenzierten Zukunftsszenarien. Das Forschungsteam variierte systematisch Variablen wie Rohstoffpreise, Recyclingquoten und technologische Lernkurveneffekte. Insbesondere für die Photovoltaikindustrie konstatieren die Wissenschaftler:innen eine hohe Robustheit der Daten. Bis zum Jahr 2040 prognostiziert die Studie eine realisierbare europäische PV-Herstellungskapazität von 200 Gigawatt. Sebastian Zwickl-Bernhard pointiert die Ergebnisse der Berechnungen: „Dazu kommen noch ungefähr 50 Gigawatt aus Recycling: Alte PV-Anlagen werden vermehrt als Rohstoffquellen für neue Module genutzt werden.“ Diese prognostizierte Wiederaufbereitung stabilisiert die Materialströme für zukünftige Bauvorhaben substanziell.

Resilienz kompensiert moderate Mehrkosten

Zwar impliziert die Etablierung europäischer Lieferketten ein höheres Investitionsvolumen im Vergleich zu günstigen Fernost-Importen, die langfristige Wirtschaftlichkeit bleibt jedoch stabil. Das Risiko von Bauverzögerungen durch Lieferengpässe wird durch die regionale Nähe der Industriepartner:innen effektiv minimiert. „Auch wenn wir Produktionskapazitäten in Europa aufbauen, die etwas höhere Preise verursachen, als man für günstige Importe bezahlen müsste, kommt es zu keiner substanziellen Verzögerung des Ausstiegs aus fossilen Brennstoffen“, unterstreicht Zwickl-Bernhard. Für Ingenieure und Branchenentscheidungsträger:innen signalisiert diese Erkenntnis Planungssicherheit. Temporäre Preiseffekte beeinträchtigen den großflächigen Transformationspfad der europäischen Gebäudetechnik und Energieinfrastruktur langfristig nicht.

Ganzheitlicher Blick auf die Wertschöpfungskette

Der entscheidende methodische Fortschritt der Studie liegt in der systemischen Verknüpfung ökonomischer und ökologischer Parameter. Die Zukunft der Energiesysteme lässt sich nur bewerten, wenn neben der reinen Stromerzeugung in Kilowattstunden auch die vor- und nachgelagerten Prozesse transparent abgebildet werden. Sebastian Zwickl-Bernhard ergänzt dazu: „Wir zeigen auch: Die Zukunft unserer Energiesysteme lässt sich nur abschätzen, wenn man nicht nur Kilowattstunden zählt, sondern ein ganzes Netz von Effekten im Blick behält – von Materialkosten über Produktion bis Recycling und Wiederaufbereitung.“ Das Institut plant bereits eine Verfeinerung des Modells, um lokale europäische Unterschiede sowie die Spezifika der Recyclingmärkte noch detaillierter abzubilden.

© Cachalot Media House GmbH - Veröffentlicht am 17. Juni 2026 - zuletzt bearbeitet am 17. Juni 2026


R
AutorRedaktion
Tags
Studie
TU Wien
Photovoltaik
Solarenergie
zukunft
Europa
buildingTIMES
Informiert bleiben.

Treffen Sie eine Selektion unserer Newsletter zu buildingTIMES, immoflash, Immobilien Magazin, immo7news, immojobs, immotermin oder dem Morgenjournal

Jetzt anmelden

© Cachalot Media House GmbH - Alle Rechte vorbehalten