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Expertengespräch: Ist Nachhaltigkeit noch leistbar?

Recht & Rahmen

Im Expertengespräch diskutierten Robert Grüneis, Vorstand der Wien 3420 aspern Development AG, und Aramis Glück, Geschäftsführer von immo 360 grad, über Wege, wie Nachhaltigkeit und Leistbarkeit in Einklang gebracht werden können.
Bereits zu Beginn des Gesprächs wurde deutlich, dass beide Experten Nachhaltigkeit keineswegs als vorübergehenden Trend sehen oder das Thema an Priorität verloren hat. „Es ist sicherlich kein Nice-to-have mehr“, sagte Robert Grüneis. Vielmehr müsse man sich mit Nachhaltigkeit „in allen ihren Facetten ernsthaft auseinandersetzen“. Gleichzeitig räumte er ein, dass die aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Diskussion deutlich schwieriger machen. Komplexe Anforderungen und Unsicherheiten bei Invest-, Betriebs- und Energiekosten würden viele Projekte unter Druck setzen. Trotzdem sei die Entwicklung eindeutig: „Ökologie gewinnt an ökonomischer Rechtfertigung.“ Gerade in der Seestadt Aspern integriert man aber schon seit jeher Nachhaltigkeit systematisch in die Stadtentwicklung. Mit dem Programm „aspern klimafit“ hat die Wien 3420 inzwischen einen eigenen Gebäudestandard für Bauprojekte geschaffen. Generell geht es in der Seestadt bei Nachhaltigkeit bei weitem nicht nur um Energieeffizienz, sondern um ein ganzheitliches Verständnis von nachhaltiger Stadtentwicklung – von Energieversorgung über die Grünräume bis hin zu sozialer Infrastruktur. Grüneis betonte, dass es dabei auch regelmäßig intensive Diskussionen mit Bauträgern gebe. Doch langfristig zeige sich immer wieder, dass ökologisch durchdachte Lösungen wirtschaftlich sinnvoll seien. „Wir kommen immer auf einen grünen Zweig“, sagte er über die gemeinsamen Entwicklungsprozesse.

Herausforderungen Bestand

Aramis Glück sieht die Situation mit Blick auf den Gebäudebestand etwas differenzierter. Während nachhaltige Konzepte im Neubau mittlerweile weitgehend akzeptiert seien, stehe die Branche bei Sanierungen vor enormen Herausforderungen. „Eine Sanierung ist heute längst nicht mehr automatisch günstiger als ein Neubau“, erklärte er. Besonders im regulierten Mietsegment seien energetische Sanierungen oft kaum refinanzierbar. Hohe Investitionen in neue Heizsysteme, Fassaden oder Energieinfrastruktur würden zwar langfristig Vorteile bringen, kurzfristig jedoch enorme Kosten verursachen.

Ein Faktor sei dabei laut Glück auch die Mietpreisbremse. Betrachtet man die reale Entwicklung von Einkommen, Mieten und Baukosten, habe sich die Situation für Bestandshalter:innen massiv verschärft. In vielen Bereichen seien die Mieten real sogar gesunken, während gleichzeitig die Kosten für Sanierungen explodierten. Die Folge: Viele nachhaltige Maßnahmen lassen sich wirtschaftlich kaum darstellen. Deshalb brauche es neue Modelle, etwa Gesamtmieten oder flexiblere Verrechnungssysteme für Energie und Infrastruktur. Gerade bei Photovoltaik-Anlagen oder Wärmepumpen wäre vieles leichter finanzierbar, wenn auch Mieter:innen sich an den Kosten beteiligen würden, so Glück.

Bauprozesse neu denken

Auch die Baukostenentwicklung beschäftigte beide Gesprächspartner intensiv. Grüneis plädiert dafür, Bauprozesse grundsätzlich neu zu denken. Sowohl für das klassische als auch das serielle Bauen könnten Vorfertigung und stärkere Automatisierung ein Weg sein, Kosten langfristig zu reduzieren. Die Seestadt Aspern verstehe sich dabei bewusst als Experimentierfeld für neue Technologien und Prozesse. Dabei sei es nicht nur wichtig, neue Technologien einzusetzen, sondern auch zu messen, wie sie sich über Jahre hinweg verhalten. Nachhaltigkeit brauche belastbare Daten. Auch Glück sieht enormes Potenzial in Digitalisierung und seriellen Prozessen – gerade im Bestand. Gleichzeitig warnte er davor, serielle Sanierung als Universallösung zu betrachten. Die Herausforderungen im Bestand seien dafür zu unterschiedlich. Vielmehr brauche es viele kleine Stellschrauben statt einer einzigen großen Lösung.

Gebäudedaten entscheidend

Ein zentrales Zukunftsthema sei deshalb die Digitalisierung von Gebäuden. Digitale Zwillinge, BIM-Modelle und strukturierte Gebäudedaten würden künftig entscheidend sein, um Gebäude effizient zu betreiben, zu sanieren und langfristig nachhaltig zu bewirtschaften. Doch laut Glück fehle es bei Bestandsgebäuden häufig an grundlegenden Daten.

Viele Eigentümer:innen wüssten heute gar nicht genau, welche Materialien verbaut wurden oder wie viel Energie tatsächlich im Gebäude gespeichert sei. Für Glück ist klar: „Die langfristige Betrachtung der Immobilie ist entscheidend.“ Grüneis berichtete über neue digitale Werkzeuge in der Seestadt Aspern. Mit dem „aspern monitor“ der ÖGNB können Bauträger mit einmaliger Eingabe ihre Nachhaltigkeitsdaten elektronisch überprüfen, ob Projekte taxonomiekonform sind bzw. wie sie bei den Standards aspern klimafit, klimaaktiv und dem TQB-Punktesystem der ÖGNB abschneiden. Ziel sei es, Berichterstattung zu vereinfachen und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen. Gerade die ESG-Berichtspflichten würden viele Unternehmen derzeit massiv belasten. Laut Glück sei allein die Organisation dieser Berichte mittlerweile ein erheblicher Kostenfaktor geworden. Denn die Beschaffung und Strukturierung von Gebäudedaten sei enorm aufwendig.

Energiegemeinschaften

Diskutiert wurde auch über Quartierslösungen und Energiegemeinschaften. In der Seestadt arbeitet man aktuell an gemeinschaftlichen Energiesystemen, die mehrere Gebäude verbinden sollen. Statt wie bisher auf die Fernwärme oder erneuerbare Einzellösungen setzt man auf gesamtheitliche Energienetze mit Tiefengeothermie, Grundwassernutzung und gemeinsamer Infrastruktur. Laut Grüneis funktionieren solche Modelle aber nur, wenn alle Beteiligten frühzeitig zusammenarbeiten – Bauträger, Energieversorger und Stadtentwicklung gleichermaßen. „Die Kunst liegt darin, in Gesamtsystemen zu denken“, sagte er.

Soziale Nachhaltigkeit

Neben den technischen Fragen nahm im Gespräch auch die soziale Nachhaltigkeit einen breiten Raum ein. Für Grüneis ist nachhaltige Stadtentwicklung weit mehr als Energieeffizienz. Entscheidend sei letztlich die Lebensqualität der Menschen. Aufenthaltsqualität, begrünte Freiräume, funktionierende Erdgeschoßzonen und soziale Begegnungsorte seien genauso wichtig wie CO2-Reduktion. Die Seestadt Aspern setze deshalb gezielt auf Quartiersmanagement, kurze Wege und öffentliche Räume. „Der Mensch braucht auch im öffentlichen Raum Aufenthaltsqualität“, sagte Grüneis. Nachhaltigkeit bedeute eben auch, dass Menschen gerne in ihrem Umfeld leben.

Dabei gehe es nicht nur um Architektur, sondern auch um soziale Dynamiken. Grüneis berichtete von Forschungsprojekten, die untersucht haben, wie nachhaltig Menschen Räume tatsächlich nutzen. Oft seien die Ausstattungen der Wohnungen gar nicht das zentrale Problem, sondern, dass die Zwänge des Alltags bestimmen, wie sparsam Menschen mit Energie umgehen. Gleichzeitig würden flächeneffiziente Wohnungen dort besser angenommen, wo die Aufenthaltsqualität öffentlicher Freiräume passt, wo es Sitzgelegenheiten gibt und Treffpunkte indoors gibt. Das könnte die Wohnqualität massiv erhöhen – ohne enorme Zusatzkosten zu verursachen. Genau hier sieht er eine wichtige Zukunftsaufgabe der Stadtentwicklung.

Aufklärung der Bewohner:innen

Auch Glück betonte die Bedeutung sozialer Aspekte beim Thema Nachhaltigkeit und plädierte für Aufklärung. Viele Bewohner:innen müssten erst lernen, wie moderne Gebäude funktionieren. Themen wie richtiges Lüften, Beschattung oder Raumklima würden oft unterschätzt. Gerade nach Sanierungen zeige sich häufig, dass Menschen ihre Wohnungen plötzlich stärker heizen oder anders nutzen als zuvor. Deshalb brauche es Kommunikation und Begleitung. „Man muss mit den Leuten reden und kommunizieren“, sagte Glück. Sanierungen seien nicht nur technische, sondern auch soziale Prozesse.

Beim Blick auf die Klimaziele zeigten sich beide Experten schließlich realistisch. Robert Grüneis betonte, dass alle Akteure Verantwortung übernehmen müssten – von der Bauwirtschaft bis zu den Energieversorgern. Gleichzeitig dürfe Nachhaltigkeit nie losgelöst von Wirtschaftlichkeit betrachtet werden. Aramis Glück glaubt, dass die Klimaziele bis 2040 aus heutiger Sicht wohl kaum erreichbar sind. Entscheidend sei jedoch nicht das exakte Datum, sondern dass kontinuierlich Fortschritte gemacht werden. „Es ist eine Mammutaufgabe“, sagte er. Die Transformation des Gebäudebestands werde Jahrzehnte dauern. Wichtig sei daher, dass die Branche Schritt für Schritt die richtigen Maßnahmen setze – technisch, wirtschaftlich und sozial. 

© Cachalot Media House GmbH - Veröffentlicht am 28. Juli 2026 - zuletzt bearbeitet am 28. Juli 2026


SP
AutorStefan Posch
Tags
Nachhaltigkeit
Seestadt
Stadtentwicklung
Menschen
Kosten
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