Baureduktion als Planungsprinzip
nonconform setzt auf „Phase Null“, um durch radikale Bedarfsanalysen das Bauvolumen um bis zu 50 % zu senken
Steigende Baukosten, knappe öffentliche Budgets und der massive Druck zur Klimaneutralität verschieben die Prioritäten in Bau- und Immobilienprojekten grundlegend. Parallel dazu wachsen die gesellschaftlichen Erwartungen an Gebäude und Infrastrukturen – etwa durch den Ganztagsbetrieb an Schulen, neue hybride Arbeitswelten in Unternehmen oder die notwendige Wiederbelebung verwahrloster Ortskerne. Ein innovativer Ansatz, der in diesem spannungsgeladenen Umfeld zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die gezielte Baureduktion. Dieses Planungsprinzip zielt darauf ab, Bauvolumen durch eine effizientere Nutzung und die kluge Umorganisation bestehender Raumressourcen drastisch zu senken, anstatt reflexartig auf Neubau zu setzen.
Paradigmenwechsel durch gezielte Baureduktion
Das österreichisch-deutsche Planungsbüro nonconform beschreibt diesen Zugang als Baureduktionsplanung und fordert damit einen Paradigmenwechsel im Bauwesen: Weg von der maximalen Verdichtung und Versiegelung, hin zu einer Priorisierung von Bedarfsreduktion, Umbau und dem Erhalt von Substanz. Im Kern steht die radikale Frage, was tatsächlich gebraucht wird und wie sich dieser Bedarf mit möglichst geringen baulichen Eingriffen erfüllen lässt. Der Ansatz richtet sich gegen die weiterhin verbreitete Standardantwort der Branche, Herausforderungen primär über großflächigen Neubau zu lösen.
Die Phase Null als strategisches Fundament
Baureduktion beginnt dabei nicht mit einem ersten architektonischen Entwurf, sondern mit einem intensivierten, vorgelagerten Klärungsprozess, den nonconform als „Phase Null“ bezeichnet. In dieser Phase werden Ziele, gewünschte Nutzungen sowie Betriebskonzepte, Zuständigkeiten und organisatorische Rahmenbedingungen gemeinsam mit Auftraggebern und relevanten Stakeholdern präzisiert. Diese Methode setzt bewusst auf die Verbindung von Expertenwissen und dem Alltagswissen der künftigen Nutzer, um tatsächliche Nutzungsbedarfe, Synergien und bisher unsichtbare Kapazitäten wie Leerstände oder Umnutzungspotenziale aufzudecken. Aktuelle Studien und Praxiserfahrungen von nonconform zeigen, dass durch eine solche fundierte Bedarfsanalyse das geplante Neubauvolumen oft um 30 bis 50 Prozent reduziert werden kann. In Wohnquartieren ließen sich so bereits bis zu 40 Prozent weniger Neubaufläche realisieren, während im Gewerbebereich Volumenreduktionen von rund 25 Prozent durch geschickte Nachnutzung erzielt wurden.
Ökonomische und ökologische Hebelwirkungen
Roland Gruber, Gründer und Partner von nonconform, sieht den größten Kosten- und Klimahebel im Quadratmeter, der gar nicht erst gebaut wird. „Weniger bauen, mehr Nutzung – das ist kein Kompromiss, sondern das smarte Planungsprinzip der Zukunft“, so Gruber. Weniger Neubau bedeute nicht nur signifikant niedrigere Investitionen – die Einsparungen liegen oft zwischen 20 und 40 Prozent –, sondern auch deutlich geringere langfristige Aufwände für Energie, Instandhaltung und Betrieb. Zudem ist der ökologische Impact enorm: Da Beton und Stahl oft bis zu 70 Prozent der CO2-Emissionen und Materialkosten eines Rohbaus ausmachen, schont Baureduktion die Ressourcen massiv und zahlt direkt auf die Ziele des EU Green Deals ein.
Katharina Forster, Partnerin bei nonconform, betont, dass Baureduktion keinesfalls als Verzicht verstanden werden sollte, sondern als eine präzisere und ökonomisch nachhaltigere Investitionsentscheidung. Wenn der Bedarf vorab belastbar geklärt werde, lasse sich häufig mit weniger neu bebauter Fläche ein höherer funktionaler Nutzen erzielen. Johanna Treberspurg, ebenfalls Partnerin, ordnet den Ansatz als notwendiges Fundament ein, das das Spielfeld für die spätere Entwurfsplanung schärft. Dies trage maßgeblich dazu bei, dass die Nutzerinnen und Nutzer das resultierende Raumangebot besser annehmen, da es ihre realen Bedürfnisse widerspiegelt.
Methodische Ansätze für die Transformation
Methodisch arbeitet die Baureduktionsplanung mit Strategien, die weit über das bekannte „Reduce, Reuse, Recycle“ hinausgehen. Ein zentrales Element ist „Refuse“ – die bewusste Ablehnung einer Bauaufgabe, wenn Analysen belegen, dass der Bestand bei effizienterer Organisation ausreicht. „Reframe“ zielt auf die Veränderung von Blickwinkeln, Organisationsstrukturen oder Nutzungsrhythmen ab. So kann Raum transformiert werden, ohne baulich einzugreifen, etwa durch die Aktivierung von Verkehrsflächen für Zusatznutzungen oder das Erkennen von Synergien zwischen verschiedenen Nutzergruppen.
Die Strategie „Repair“ beschreibt die möglichst schonende Anpassung bestehender Substanz. Hierbei werden bei unvermeidbaren Eingriffen kreislauffähige und reversible Lösungen bevorzugt, die sich an ökologischen Indikatoren wie dem Global Warming Potential (GWP) orientieren, wie sie etwa im „baubook plus“ definiert sind. Für Kommunen, Bildungseinrichtungen und Unternehmen ist dieser integrierte Planungsmodus vor allem dort relevant, wo Flächenengpässe und Budgetdruck auf strenge Klimaziele und neue gesetzliche Rahmenbedingungen treffen. So zwingen etwa verschärfte Baumschutzverordnungen (wie in Nürnberg ab 2025) oder die Förderung der Boden- und Ressourcenschonung gemäß Bundes-Bodenschutzgesetz zu einem Umdenken.
Gleichzeitig bieten neue rechtliche Instrumente wie der sogenannte „Bau-Turbo“ (§ 246e BauGB) Chancen für die Baureduktionsplanung: Sie ermöglichen Abweichungen von starren Bebauungsplänen, sofern die Umweltverträglichkeit geprüft ist, was die Umnutzung von Bestandsgebäuden im Außenbereich oder in verdichteten Lagen beschleunigen kann. In der Praxis positioniert dieser Ansatz die Entwurfsplanung als das Ergebnis eines klugen Entscheidungsprozesses. Baureduktionsplanung führt so zu Projekten, die trotz geringerer Baunotwendigkeit eine höhere Raumqualität, Flexibilität und Nutzungsvielfalt erreichen – und damit die Kosten- sowie die CO2-Bilanz eines jeden Immobilienportfolios entscheidend verbessern.
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