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Autonomie im Visier
Markt & Macher
Martin Lang ist Leiter der Gebäudetechnik bei Siemens Österreich. Sein Aktionsradius erstreckt sich über Osteuropa bis nach Asien. Seine Zieldestination sind autonome Gebäude.
Im Wiener Siemens-Gebäude geht ein kleiner Umbau über die Bühne. Der Showroom für Gebäudeautomatisierung erhält deutlich mehr Platz und die zahlreichen Geräte und Anwendungen, die der Elektronikriese anbietet, werden sichtbar gemacht. Die klassische Schauwand mit Reglern und Sensoren feiert ein Comeback. Noch in Bau sind Erlebnisräume, nach deren Fertigstellung den Besucher:innen spezielle Lösungen, etwa für den Hotel- und Gesundheitsbereich, präsentiert werden. Dass die Technik für Techniker:innen wieder sichtbar gemacht wird, ist neu, der deutlich kleinere, alte Schauraum war eher neutral im Stil von Raumschiff-Enterprise – früher hätte man gesagt – futuristisch gehalten.
Hinter dem Umbau steht Martin Lang, der seit 2020 die Sparte Gebäudetechnik verantwortet. Der Manager ist fast 30 Jahre für Siemens tätig und bekleidet aktuell die Funktion Head of Smart Infrastructure Buildings for Central Eastern Europe and Central Asia. In dieser Funktion verantwortet Lang einen Gebäudetechnik-Umsatz von ca. 450 Millionen in CEE & CA. Kaum jemand kennt die Entwicklungsschritte der Gebäudetechnik so gut wie er. Auch der Begriff des automatisierten Gebäudes ist ihm vertraut. Vor drei Jahrzehnten war damit die Automatisierung einfacher technischer Prozesse gemeint, die Schritt für Schritt immer mehr wurden. Sensoren, Regelungen und Steuerungen generieren seither Daten, die aber nur innerhalb einzelner Systeme genutzt wurden. Heute werden diese Daten zentral gespeichert, verglichen und analysiert, womit sogenannte smarte Gebäude möglich wurden.
Als nächsten Schritt sieht Lang das autonome Gebäude kommen. Dafür müssen Systeme miteinander vernetzt werden. Eine Brandmeldeanlage liefert zusätzlich auch Temperaturdaten, Präsenzmelder können Sicherheitsfunktionen übernehmen und Wetterdaten fließen als Info-Quelle in die Betrachtung ein. Dazu kommt, dass verschiedene Energiesysteme – sowohl Erzeuger als auch Verbraucher – miteinander kommunizieren. Kurzum, aus den vielen einzelnen Gebäudetechnik-Inseln der Vergangenheit entsteht ein Gesamtsystem, das den Komfort steigern und die Effizienz erhöhen soll.
Building Times hat mit Martin Lang im Exklusiv-Interview über das autonome Gebäude gesprochen.
Building Times: Herr Lang, Siemens widmet sich verstärkt dem autonomen Gebäude. Was verstehen Sie darunter?
Martin Lang: Wir sprechen bewusst vom menschenzentrierten autonomen Gebäude. Der Mensch steht immer im Mittelpunkt. Ein Gebäude soll nicht nur effizient funktionieren, sondern vor allem den Menschen optimal unterstützen. Das heißt, es soll komfortabel, sicher und angenehm sein. Wenn ein Gebäude „auffällt“, dann meist negativ – weil es zu warm, zu kalt oder schlecht belüftet ist. Unser Ziel ist, dass sich Menschen wohlfühlen und konzentriert arbeiten können, ohne vom Gebäude abgelenkt zu werden.
Building Times: Das Gebäude soll also mitdenken?
Lang: Genau. Ein autonomes Gebäude erkennt nicht nur, wofür ein Raum grundsätzlich gedacht ist, sondern auch, wie er konkret genutzt wird. Wenn ein Besprechungsraum weiß, dass in Kürze 15 Personen kommen, kann er Lüftung, Kühlung oder Beleuchtung frühzeitig anpassen. In einer Veranstaltungshalle oder einem Shoppingcenter könnte an einem Regentag frühzeitig die Entfeuchtung gestartet werden. So reagiert das Gebäude proaktiv statt nur auf manuelle Eingriffe.
BT: Das klingt gut, ist in vielen Gebäuden aber nicht Standard. Gibt es bei Betreiber:innen und Eigentümer:innen Vorbehalte gegen solche Technik?
Lang: Oft liegt es nicht an der Technik selbst, sondern an der Regelung. Menschen greifen manuell ein, Fenster werden geöffnet, Thermostate verstellt – und das System verliert seine optimale Balance. Außerdem darf man nicht vergessen, dass sich die Bedürfnisse von Nutzer:innen stark unterscheiden: Eine Person empfindet denselben Raum anders als eine andere. Das autonome Gebäude soll solche Faktoren intelligent berücksichtigen.
BT: Ist das autonome Gebäude eine Weiterentwicklung des smarten Gebäudes?
Lang: Ja. Die Entwicklung ging vom traditionellen zum automatisierten und dann zum smarten Gebäude. Heute verfügen Gebäude über enorme Mengen an Daten. Diese Daten werden gesammelt, analysiert und miteinander vernetzt. Künstliche Intelligenz hilft jetzt dabei, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zukünftige Anforderungen vorherzusagen. Ein Gebäude muss zuerst lernen, welche Zielzustände überhaupt gewünscht sind. Vollständig „freie“ künstliche Intelligenz gibt es hier nicht. Das autonome Gebäude bewegt sich innerhalb klar definierter Parameter. KI im Sinne Konkreter Intelligenz hilft dabei, Muster zu erkennen, Prognosen zu erstellen und Entscheidungen vorzubereiten. Sie verarbeitet Wetterdaten, Nutzungsdaten, Energiepreise oder historische Entwicklungen und kann daraus Handlungsempfehlungen ableiten.
BT: Welche Rolle spielen dabei externe Daten wie Wetterprognosen?
Lang: Eine sehr große. Ein Gebäude kann heute Wetterdaten, Lichtverhältnisse oder Energiepreise in seine Entscheidungen einbeziehen. Auch die Planung großer Energieverbraucher wie Industriemaschinen oder bildgebender Systeme in Krankenhäusern liefert wertvolle Informationen über zu erwartende Lasten. Wenn beispielsweise mehrere Tage wenig Wind- und Solarenergie zu erwarten sind, können Energiespeicher frühzeitig geladen werden. Oder das Gebäude entscheidet intelligent, wann Fahrzeuge geladen oder gespeicherte Energie verkauft wird.
BT: Verfügt das Wiener Siemens-Gebäude über Energiespeicher?
Lang: Ja. Wir haben bereits Batteriespeicher im Einsatz.Besonders spannend wird das in industriellen Umgebungen. Dort kann überschüssige Energie gespeichert und später gezielt für energieintensive Produktionsprozesse genutzt werden. Ziel ist ein intelligentes Zusammenspiel von Gebäude, Energieversorgung und Industrie.
BT: Das Gebäude wird also Teil eines Energiesystems?
Lang: Das ist einer der wichtigsten Punkte. Gebäude sind künftig nicht mehr nur Energieverbraucher, sondern aktive Teilnehmer im Energiesystem.
BT: Das autonome Gebäude betrifft also weit mehr als nur Heizung und Licht?
Lang: Definitiv. Früher dachte man bei Gebäudeautomation hauptsächlich an Heizung, Klima und Lüftung. Heute reden wir über ein viel größeres System: Energieversorgung, Ladeinfrastruktur, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Nutzerkomfort und natürlich betriebliche Prozesse. Wir haben hier im Gebäude beispielsweise bereits zahlreiche Ladestationen. Das System kann entscheiden, welche Fahrzeuge wann geladen werden. Vielleicht reicht bei einem Fahrzeug eine Teilaufladung, während ein anderes vollständig geladen werden sollte.
BT: Wie wichtig ist dabei die Vernetzung unterschiedlicher Systeme?
Lang: Das ist zentral. Früher waren viele Systeme Insellösungen. Heute können etwa Brandmeldeanlagen Temperaturdaten liefern oder Präsenzsensoren gleichzeitig Sicherheitsfunktionen übernehmen. Entscheidend ist, dass alle Daten zusammengeführt werden und das Gebäude daraus eigenständig Handlungsempfehlungen ableitet.
BT: Kann ein autonomes Gebäude auch Feedback der Nutzer berücksichtigen?
Lang: Absolut. Das Gebäude soll nicht starr reagieren. Menschen können beispielsweise über einfache digitale Schnittstellen Rückmeldung geben, ob ihnen zu warm oder zu kalt ist. Statt dass eine einzelne Person den Thermostat stark verstellt, wertet das System das Feedback vieler Nutzer:innen aus und passt sich schrittweise an. So bleibt das Gebäude effizient und gleichzeitig komfortabel. Das Gebäude der Zukunft muss deshalb viel flexibler auf unterschiedliche Anforderungen reagieren können. Es soll verstehen, was tatsächlich benötigt wird – und nicht einfach starr nach Standardwerten arbeiten. Idealerweise erfolgt das über eine einheitliche Oberfläche und ich kann weltweit jedes Büro oder jedes Hotelzimmer über die gleiche Oberfläche steuern.
BT: Welche Einsparpotenziale sehen Sie in autonomen Gebäuden?
Lang: Beim Übergang von einem einfachen zu einem automatisierten Gebäude sind Einsparungen von 20 bis 25 Prozent realistisch. Selbst moderne Gebäude können durch intelligente Optimierung nochmals acht bis zwölf Prozent Energie sparen. Das haben wir unter anderem im Rahmen des Aspern Smart City Research Projekts nachgewiesen. Im autonomen Gebäude kann durch die Vermeidung üblicher Betriebsfehler noch weit mehr gespart werden.
BT: Welche Rolle spielt bei der Effizienzsteigerung die Betrachtung ganzer Quartiere?
Lang: Eine sehr große. Wir dürfen nicht nur einzelne Gebäude betrachten. Besonders spannend wird es, wenn Gebäude miteinander kooperieren. Ein gutes Beispiel ist die Zusammenarbeit eines Data Centers mit dem Klinikum Floridsdorf: Das Rechenzentrum produziert Abwärme, das Krankenhaus benötigt Wärme. Durch intelligente Vernetzung über ein Nahwärmenetz profitieren beide Seiten energetisch und wirtschaftlich.
BT: Ist Österreich bei autonomen Gebäuden international vorne dabei?
Lang: Ja, definitiv. Projekte wie Aspern Smart City Research haben international große Aufmerksamkeit erzeugt. Delegationen aus den USA, China oder Malaysia kommen regelmäßig nach Wien, um sich diese Lösungen anzusehen. Österreich profitiert dabei auch von einer starken Forschungslandschaft und enger Zusammenarbeit zwischen Industrie, Wissenschaft und öffentlichen Institutionen.
BT: Mit zunehmender Digitalisierung wächst aber auch das Sicherheitsrisiko. Wie begegnen Sie dem?
Lang: Die Cybersecurity ist heute ein Kernthema. Früher wurde bei manchen Protokollen zu stark auf Vertrauen gesetzt. Heute arbeiten wir mit verschlüsselten und sicheren Standards. Gleichzeitig muss ein autonomes Gebäude erkennen können, wenn Eingaben unsinnig oder potenziell schädlich sind. Das System soll warnen, eskalieren und kritische Änderungen absichern, bevor Schäden entstehen.
BT: Welchen Stellenwert für autonome Gebäude hat die Plattform Building X?
Lang: Building X ist für uns die Grundlage eines autonomen Gebäudes. Die Plattform integriert unterschiedlichste Systeme und Datenquellen – von Siemens-Technik bis zu Drittanbietern und externen Daten wie Wetterinformationen. Entscheidend ist dabei nicht nur das Sammeln der Daten, sondern deren Vergleichbarkeit und intelligente Aufbereitung für unterschiedliche Nutzergruppen.
BT: Der Neubau lahmt, der Gebäudebestand ist ein wichtiges Zukunftsthema. Lassen sich Altbauten auf Autonomie-Standard bringen?
Lang: Neubauten wird es weiterhin geben, aber die große Herausforderung liegt natürlich im Bestand. Viele ältere Gebäude verfügen über keine aktuellen digitalen Planungsdaten mehr. Das lässt sich nachholen, heute können wir Gebäude sehr schnell digitalisieren – teilweise sogar mit Smartphone-gestützten 3D-Erfassungen. Das schafft die Basis für spätere Optimierungen und autonome Funktionen.
BT: Wie läuft die Modernisierung eines bestehenden Gebäudes konkret ab?
Lang: Zuerst analysieren wir die bestehende Situation und sammeln Daten aus den vorhandenen Systemen. Danach identifizieren wir kurzfristige Optimierungsmöglichkeiten – etwa zusätzliche Messinstrumente, ineffiziente Regelungen oder unnötig laufende Anlagen – sowie langfristige Investitionen wie moderne Beleuchtung oder neue Lüftungssysteme. Wichtig ist: Nicht alles muss sofort passieren. Gebäude können schrittweise in Richtung Autonomie weiterentwickelt werden.
BT: Wie beurteilen Sie das Jahr 2025 für Siemens Gebäudetechnik in Österreich?
Lang: Sehr positiv. Wir hatten erneut ein Rekordjahr mit Wachstum bei Auftragseingang und Umsatz, zudem haben wir unser Ergebnis gesteigert. Besonders gefragt sind hochwertige Lösungen für kritische Infrastruktur, Gesundheitswesen und Industrie.
BT: Bringt das Rekordjahr auch neue Jobs?
Lang: Ja, wir investieren stark in neue Mitarbeitende. Im Vorjahr kamen rund fünfzig dazu, auch heuer wird es einen Zuwachs in dieser Größenordnung geben.
Zugleich laufen interne Optimierungsprojekte, um unsere Effizienz zu steigern und weiteres Wachstum zu ermöglichen.
BT: Gibt es bei Ihnen ein aktuelles Lieblingsprojekt?
Lang: Besonders spannend ist derzeit ein großes Shoppingcenter-Projekt. Dort analysieren wir Betriebsdaten, um Komfort, Energieeffizienz und Nutzerzufriedenheit massiv zu verbessern. Ein Shoppingcenter ist dafür ideal, weil unterschiedlichste Anforderungen aufeinandertreffen – von Gastronomie mit hohem Lüftungsbedarf bis Modehandel mit hoffentlich warmen Umkleidekabinen. Genau diese Komplexität macht autonome Gebäude so interessant. Am Ende geht es aber immer um denselben Grundgedanken: Das Gebäude soll den Menschen dienen – nicht umgekehrt.
Hinter dem Umbau steht Martin Lang, der seit 2020 die Sparte Gebäudetechnik verantwortet. Der Manager ist fast 30 Jahre für Siemens tätig und bekleidet aktuell die Funktion Head of Smart Infrastructure Buildings for Central Eastern Europe and Central Asia. In dieser Funktion verantwortet Lang einen Gebäudetechnik-Umsatz von ca. 450 Millionen in CEE & CA. Kaum jemand kennt die Entwicklungsschritte der Gebäudetechnik so gut wie er. Auch der Begriff des automatisierten Gebäudes ist ihm vertraut. Vor drei Jahrzehnten war damit die Automatisierung einfacher technischer Prozesse gemeint, die Schritt für Schritt immer mehr wurden. Sensoren, Regelungen und Steuerungen generieren seither Daten, die aber nur innerhalb einzelner Systeme genutzt wurden. Heute werden diese Daten zentral gespeichert, verglichen und analysiert, womit sogenannte smarte Gebäude möglich wurden.
Als nächsten Schritt sieht Lang das autonome Gebäude kommen. Dafür müssen Systeme miteinander vernetzt werden. Eine Brandmeldeanlage liefert zusätzlich auch Temperaturdaten, Präsenzmelder können Sicherheitsfunktionen übernehmen und Wetterdaten fließen als Info-Quelle in die Betrachtung ein. Dazu kommt, dass verschiedene Energiesysteme – sowohl Erzeuger als auch Verbraucher – miteinander kommunizieren. Kurzum, aus den vielen einzelnen Gebäudetechnik-Inseln der Vergangenheit entsteht ein Gesamtsystem, das den Komfort steigern und die Effizienz erhöhen soll.
Building Times hat mit Martin Lang im Exklusiv-Interview über das autonome Gebäude gesprochen.
Building Times: Herr Lang, Siemens widmet sich verstärkt dem autonomen Gebäude. Was verstehen Sie darunter?
Martin Lang: Wir sprechen bewusst vom menschenzentrierten autonomen Gebäude. Der Mensch steht immer im Mittelpunkt. Ein Gebäude soll nicht nur effizient funktionieren, sondern vor allem den Menschen optimal unterstützen. Das heißt, es soll komfortabel, sicher und angenehm sein. Wenn ein Gebäude „auffällt“, dann meist negativ – weil es zu warm, zu kalt oder schlecht belüftet ist. Unser Ziel ist, dass sich Menschen wohlfühlen und konzentriert arbeiten können, ohne vom Gebäude abgelenkt zu werden.
Building Times: Das Gebäude soll also mitdenken?
Lang: Genau. Ein autonomes Gebäude erkennt nicht nur, wofür ein Raum grundsätzlich gedacht ist, sondern auch, wie er konkret genutzt wird. Wenn ein Besprechungsraum weiß, dass in Kürze 15 Personen kommen, kann er Lüftung, Kühlung oder Beleuchtung frühzeitig anpassen. In einer Veranstaltungshalle oder einem Shoppingcenter könnte an einem Regentag frühzeitig die Entfeuchtung gestartet werden. So reagiert das Gebäude proaktiv statt nur auf manuelle Eingriffe.
BT: Das klingt gut, ist in vielen Gebäuden aber nicht Standard. Gibt es bei Betreiber:innen und Eigentümer:innen Vorbehalte gegen solche Technik?
Lang: Oft liegt es nicht an der Technik selbst, sondern an der Regelung. Menschen greifen manuell ein, Fenster werden geöffnet, Thermostate verstellt – und das System verliert seine optimale Balance. Außerdem darf man nicht vergessen, dass sich die Bedürfnisse von Nutzer:innen stark unterscheiden: Eine Person empfindet denselben Raum anders als eine andere. Das autonome Gebäude soll solche Faktoren intelligent berücksichtigen.
BT: Ist das autonome Gebäude eine Weiterentwicklung des smarten Gebäudes?
Lang: Ja. Die Entwicklung ging vom traditionellen zum automatisierten und dann zum smarten Gebäude. Heute verfügen Gebäude über enorme Mengen an Daten. Diese Daten werden gesammelt, analysiert und miteinander vernetzt. Künstliche Intelligenz hilft jetzt dabei, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zukünftige Anforderungen vorherzusagen. Ein Gebäude muss zuerst lernen, welche Zielzustände überhaupt gewünscht sind. Vollständig „freie“ künstliche Intelligenz gibt es hier nicht. Das autonome Gebäude bewegt sich innerhalb klar definierter Parameter. KI im Sinne Konkreter Intelligenz hilft dabei, Muster zu erkennen, Prognosen zu erstellen und Entscheidungen vorzubereiten. Sie verarbeitet Wetterdaten, Nutzungsdaten, Energiepreise oder historische Entwicklungen und kann daraus Handlungsempfehlungen ableiten.
BT: Welche Rolle spielen dabei externe Daten wie Wetterprognosen?
Lang: Eine sehr große. Ein Gebäude kann heute Wetterdaten, Lichtverhältnisse oder Energiepreise in seine Entscheidungen einbeziehen. Auch die Planung großer Energieverbraucher wie Industriemaschinen oder bildgebender Systeme in Krankenhäusern liefert wertvolle Informationen über zu erwartende Lasten. Wenn beispielsweise mehrere Tage wenig Wind- und Solarenergie zu erwarten sind, können Energiespeicher frühzeitig geladen werden. Oder das Gebäude entscheidet intelligent, wann Fahrzeuge geladen oder gespeicherte Energie verkauft wird.
BT: Verfügt das Wiener Siemens-Gebäude über Energiespeicher?
Lang: Ja. Wir haben bereits Batteriespeicher im Einsatz.Besonders spannend wird das in industriellen Umgebungen. Dort kann überschüssige Energie gespeichert und später gezielt für energieintensive Produktionsprozesse genutzt werden. Ziel ist ein intelligentes Zusammenspiel von Gebäude, Energieversorgung und Industrie.
BT: Das Gebäude wird also Teil eines Energiesystems?
Lang: Das ist einer der wichtigsten Punkte. Gebäude sind künftig nicht mehr nur Energieverbraucher, sondern aktive Teilnehmer im Energiesystem.
BT: Das autonome Gebäude betrifft also weit mehr als nur Heizung und Licht?
Lang: Definitiv. Früher dachte man bei Gebäudeautomation hauptsächlich an Heizung, Klima und Lüftung. Heute reden wir über ein viel größeres System: Energieversorgung, Ladeinfrastruktur, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Nutzerkomfort und natürlich betriebliche Prozesse. Wir haben hier im Gebäude beispielsweise bereits zahlreiche Ladestationen. Das System kann entscheiden, welche Fahrzeuge wann geladen werden. Vielleicht reicht bei einem Fahrzeug eine Teilaufladung, während ein anderes vollständig geladen werden sollte.
BT: Wie wichtig ist dabei die Vernetzung unterschiedlicher Systeme?
Lang: Das ist zentral. Früher waren viele Systeme Insellösungen. Heute können etwa Brandmeldeanlagen Temperaturdaten liefern oder Präsenzsensoren gleichzeitig Sicherheitsfunktionen übernehmen. Entscheidend ist, dass alle Daten zusammengeführt werden und das Gebäude daraus eigenständig Handlungsempfehlungen ableitet.
BT: Kann ein autonomes Gebäude auch Feedback der Nutzer berücksichtigen?
Lang: Absolut. Das Gebäude soll nicht starr reagieren. Menschen können beispielsweise über einfache digitale Schnittstellen Rückmeldung geben, ob ihnen zu warm oder zu kalt ist. Statt dass eine einzelne Person den Thermostat stark verstellt, wertet das System das Feedback vieler Nutzer:innen aus und passt sich schrittweise an. So bleibt das Gebäude effizient und gleichzeitig komfortabel. Das Gebäude der Zukunft muss deshalb viel flexibler auf unterschiedliche Anforderungen reagieren können. Es soll verstehen, was tatsächlich benötigt wird – und nicht einfach starr nach Standardwerten arbeiten. Idealerweise erfolgt das über eine einheitliche Oberfläche und ich kann weltweit jedes Büro oder jedes Hotelzimmer über die gleiche Oberfläche steuern.
BT: Welche Einsparpotenziale sehen Sie in autonomen Gebäuden?
Lang: Beim Übergang von einem einfachen zu einem automatisierten Gebäude sind Einsparungen von 20 bis 25 Prozent realistisch. Selbst moderne Gebäude können durch intelligente Optimierung nochmals acht bis zwölf Prozent Energie sparen. Das haben wir unter anderem im Rahmen des Aspern Smart City Research Projekts nachgewiesen. Im autonomen Gebäude kann durch die Vermeidung üblicher Betriebsfehler noch weit mehr gespart werden.
BT: Welche Rolle spielt bei der Effizienzsteigerung die Betrachtung ganzer Quartiere?
Lang: Eine sehr große. Wir dürfen nicht nur einzelne Gebäude betrachten. Besonders spannend wird es, wenn Gebäude miteinander kooperieren. Ein gutes Beispiel ist die Zusammenarbeit eines Data Centers mit dem Klinikum Floridsdorf: Das Rechenzentrum produziert Abwärme, das Krankenhaus benötigt Wärme. Durch intelligente Vernetzung über ein Nahwärmenetz profitieren beide Seiten energetisch und wirtschaftlich.
BT: Ist Österreich bei autonomen Gebäuden international vorne dabei?
Lang: Ja, definitiv. Projekte wie Aspern Smart City Research haben international große Aufmerksamkeit erzeugt. Delegationen aus den USA, China oder Malaysia kommen regelmäßig nach Wien, um sich diese Lösungen anzusehen. Österreich profitiert dabei auch von einer starken Forschungslandschaft und enger Zusammenarbeit zwischen Industrie, Wissenschaft und öffentlichen Institutionen.
BT: Mit zunehmender Digitalisierung wächst aber auch das Sicherheitsrisiko. Wie begegnen Sie dem?
Lang: Die Cybersecurity ist heute ein Kernthema. Früher wurde bei manchen Protokollen zu stark auf Vertrauen gesetzt. Heute arbeiten wir mit verschlüsselten und sicheren Standards. Gleichzeitig muss ein autonomes Gebäude erkennen können, wenn Eingaben unsinnig oder potenziell schädlich sind. Das System soll warnen, eskalieren und kritische Änderungen absichern, bevor Schäden entstehen.
BT: Welchen Stellenwert für autonome Gebäude hat die Plattform Building X?
Lang: Building X ist für uns die Grundlage eines autonomen Gebäudes. Die Plattform integriert unterschiedlichste Systeme und Datenquellen – von Siemens-Technik bis zu Drittanbietern und externen Daten wie Wetterinformationen. Entscheidend ist dabei nicht nur das Sammeln der Daten, sondern deren Vergleichbarkeit und intelligente Aufbereitung für unterschiedliche Nutzergruppen.
BT: Der Neubau lahmt, der Gebäudebestand ist ein wichtiges Zukunftsthema. Lassen sich Altbauten auf Autonomie-Standard bringen?
Lang: Neubauten wird es weiterhin geben, aber die große Herausforderung liegt natürlich im Bestand. Viele ältere Gebäude verfügen über keine aktuellen digitalen Planungsdaten mehr. Das lässt sich nachholen, heute können wir Gebäude sehr schnell digitalisieren – teilweise sogar mit Smartphone-gestützten 3D-Erfassungen. Das schafft die Basis für spätere Optimierungen und autonome Funktionen.
BT: Wie läuft die Modernisierung eines bestehenden Gebäudes konkret ab?
Lang: Zuerst analysieren wir die bestehende Situation und sammeln Daten aus den vorhandenen Systemen. Danach identifizieren wir kurzfristige Optimierungsmöglichkeiten – etwa zusätzliche Messinstrumente, ineffiziente Regelungen oder unnötig laufende Anlagen – sowie langfristige Investitionen wie moderne Beleuchtung oder neue Lüftungssysteme. Wichtig ist: Nicht alles muss sofort passieren. Gebäude können schrittweise in Richtung Autonomie weiterentwickelt werden.
BT: Wie beurteilen Sie das Jahr 2025 für Siemens Gebäudetechnik in Österreich?
Lang: Sehr positiv. Wir hatten erneut ein Rekordjahr mit Wachstum bei Auftragseingang und Umsatz, zudem haben wir unser Ergebnis gesteigert. Besonders gefragt sind hochwertige Lösungen für kritische Infrastruktur, Gesundheitswesen und Industrie.
BT: Bringt das Rekordjahr auch neue Jobs?
Lang: Ja, wir investieren stark in neue Mitarbeitende. Im Vorjahr kamen rund fünfzig dazu, auch heuer wird es einen Zuwachs in dieser Größenordnung geben.
Zugleich laufen interne Optimierungsprojekte, um unsere Effizienz zu steigern und weiteres Wachstum zu ermöglichen.
BT: Gibt es bei Ihnen ein aktuelles Lieblingsprojekt?
Lang: Besonders spannend ist derzeit ein großes Shoppingcenter-Projekt. Dort analysieren wir Betriebsdaten, um Komfort, Energieeffizienz und Nutzerzufriedenheit massiv zu verbessern. Ein Shoppingcenter ist dafür ideal, weil unterschiedlichste Anforderungen aufeinandertreffen – von Gastronomie mit hohem Lüftungsbedarf bis Modehandel mit hoffentlich warmen Umkleidekabinen. Genau diese Komplexität macht autonome Gebäude so interessant. Am Ende geht es aber immer um denselben Grundgedanken: Das Gebäude soll den Menschen dienen – nicht umgekehrt.
FA
AutorFranz Artner
Tags
Siemens
energie
Gebäudetechnik
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