Partnerschaftliche Verträge im Fokus
ÖBV und Heid & Partner zeigen, wie Allianzmodelle Großprojekte im Dach-Raum optimieren.
Die praktische Umsetzung kooperativer Vertrags- und Projektabwicklungsmodelle stand im Fokus der siebten Jahreskonferenz „Partnerschaft mit Baupraxis“ im Wiener Tech Gate. Die Österreichische Bautechnik Vereinigung (ÖBV) brachte gemeinsam mit der Kanzlei Heid & Partner aktuelle Erfahrungen mit ECI-, Allianz- und IPA-Modellen aus dem gesamten Dach-Raum zusammen.
Frühe Einbindung im Hoch- und Krankenhausbau
Wie das baupraktische Know-how ausführender Unternehmen bereits vor Baubeginn nutzbar wird, erläuterten Lucas Kluger von der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) und Hannes Geiger von Pittel+Brausewetter anhand der Generalsanierung Vordere Zollamtsstraße 3 in Wien. Das Projekt wurde termingerecht übergeben, da die frühe Kooperation unter anderem eine veränderte Kanalführung im Bestand sowie Vorfertigungen im Dachgeschoß ermöglichte. Eine zentrale Erfahrung für künftige Projekte formulierte Kluger eindeutig: Die Partneringphase sollte zwingend bis zur belastbaren Kostenklärung fortgeführt werden. Am Ordensklinikum Linz wiederum wurden die Hauptgewerke Baumeister, HKLS und Elektrotechnik zeitlich überlappend eingebunden, womit Schnittstellen vorab geklärt werden konnten. Bernhard Reininger und Martina Windbichler betonten, dass Early Contractor Involvement (ECI) zwar nicht jedes Risiko eliminiere, jedoch einen weitaus transparenteren Umgang mit unvorhergesehenen Faktoren garantiere.
Integrierte Anreizsysteme für komplexe Infrastruktur
Bei Großinfrastrukturprojekten rückt die termingerechte Fertigstellung noch stärker in den wirtschaftlichen Mittelpunkt. Am Beispiel der Modernisierung des Tauerntunnels der ÖBB erläuterten Christiane Schiavinato, Markus Höhndorf und Daniel Deutschmann die Kopplung von Bauleistungen an gewerkeübergreifende Bonus-Vereinbarungen. Maßgeblich für den Projekterfolg sei dabei die uneingeschränkte Betriebsfähigkeit nach der engen Sperrzeit. Ähnliche Wege beschreitet die Schiene OÖ bei der Regional-Stadtbahn: Geplant ist eine Kombination aus Einzelverträgen und einem übergeordneten Mehrparteienvertrag. Gemeinsame finanzielle Anreize werden damit unmittelbar an das Gesamtergebnis des Projekts gekoppelt, anstatt Einzelschuldfragen zu forcieren.
Organisatorische Anforderungen im Dach-Raum
Erfahrungen aus Deutschland und der Schweiz untermauern, dass Partnerschaftsmodelle belastbare Organisationsstrukturen verlangen. Oliver Bartz und Sascha Peter demonstrierten am Bauabschnitt der Universität Bielefeld das Konzept eines „Unternehmens auf Zeit“, welches hierarchische Reibungsverluste minimiert. Fabian Hug und Carina Schlabach berichteten von der Schweizer ARA Birs, wo definierte Rollen und strukturierte Wissenssicherung bei Personalwechseln das Fundament der Allianz bildeten. Zugleich zeigten Analysen am Nordabschnitt des Fluchtstollens Schmittentunnel die Grenzen von vereinfachten Allianzverträgen auf: Die Trennung zwischen individuellen und gemeinsam getragenen Risiken bleibt vergabe- und haftungsrechtlich anspruchsvoll.
Leitfäden für Vergabepraxis und Ausführung
Um den Einstieg in integrierte Modelle rechtssicher zu gestalten, stellten Gerald Zwittnig und Markus Frühwirth das ÖBV-Merkblatt „Allianzvertrag: Infrastruktur – Empfehlungen zur Vergabe und Ausführung“ vor. Der Leitfaden definiert konkrete Standards für Zielkostenfindung, Bonus-Malus-Systeme und Open-Book-Abrechnungen im Vergabeprozess. Ergänzend kündigte Daniel Deutschmann ein umfassendes Praxishandbuch für Anfang 2027 an. Für Bauherren und Fachplaner signalisieren diese Initiativen einen spürbaren Wandel: Kooperative Modelle entwickeln sich von theoretischen Pilotansätzen zu verlässlichen Standardinstrumenten für komplexe Bauvorhaben.
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