Industrielle Nebenströme als neue Ressource
Laufen verwandelt Keramikreste in eine zukunftsweisende neue Masse mit 92 % Reststoffanteil.
Im Rahmen der Vienna Design Week präsentierte der Sanitärhersteller Laufen erste Resultate des Forschungsprojekts Unused Matters. Gemeinsam mit bioregional.agency und mischer'traxler studio untersucht das Unternehmen die Rezyklierung industrieller Nebenströme am Innovationsstandort Gmunden. Im Fokus steht die Entwicklung marktfähiger Sekundärbaustoffe aus Rückständen der Sanitärkeramikproduktion, um neue Wertschöpfungspotenziale für den Hochbau und Innenausbau zu erschließen.
Hohe Recyclingquote im Brennprozess
Ausgangsstoffe der werkstofflichen Neuentwicklung bilden Filterkuchen, Keramikscherben und Glasurstaub aus dem Werk Gmunden. Nach einjähriger Entwicklungszeit gelang die Formulierung einer gießbaren Masse, die zu 92 Prozent aus internen Restmaterialien besteht. Das Material wird im dortigen, seit 2023 vollelektrisch betriebenen Tunnelofen gebrannt, der den CO₂-Ausstoß des Standorts jährlich um rund 5.000 Tonnen reduziert. Christian Schäfer, Managing Director Laufen Austria, betont den Ansatz: „Wenn wir gelebte Kreislaufwirtschaft in der Industrie voranbringen wollen, müssen wir bei den eigenen Produktionsprozessen ansetzen und Reststoffe genauer untersuchen, um herauszufinden, was sich mittel- und langfristig im industriellen Maßstab umsetzen lässt.“
Regionale Kreisläufe und architektonische Potenziale
Das Projekt zielt darauf ab, industrielle Nebenströme nicht isoliert zu betrachten, sondern regional zu verankern. In der begleitenden Ausstellung werden prototypische Anwendungen wie gegossene Keramikschindeln für Fassadensysteme sowie modulare Raumobjekte demonstriert. Jakob Travnik von bioregional.agency unterstreicht die systemische Dimension: „Für uns bedeutet Zirkularität, die global-orientierte Industrie als Teil eines regionalen Systems zu verstehen und zu prüfen, wie daraus neue Verbindungen und lokale Wertschöpfungsketten entstehen.“ Damit rücken kreislauffähige Fassadenelemente und Ausstattungsteile für den regionalen Hochbau in den planerischen Fokus.
Gestalterische Qualität durch werkstoffliche Varianz
Für Planende und Architekten erfordert der Einsatz von Sekundärrohstoffen ein Umdenken bei Toleranzen und visuellen Standards. Durch den wechselnden Einsatz anfallender Glasurstäube variieren Farbtöne und Oberflächenstrukturen je nach Produktionscharge. Katharina Mischer vom mischer'traxler studio sieht darin einen gestalterischen Mehrwert: „Sobald man mit Restmaterialien arbeitet, muss man mit gewissen Abweichungen umgehen können; die zentrale Frage ist, wie wir diese Varianz als Charakter statt als Fehler verstehen und etablieren.“ Thomas Traxler ergänzt, dass das genaue Materialverständnis der Schlüssel sei, um Einsatzbereiche und technische Grenzen präzise zu definieren.
Skalierung für den industriellen Einsatz
Für Laufen und die Projektpartner steht nun die Standardisierung und Reproduzierbarkeit der Fertigungsmethode im Vordergrund. Für Fachplaner und Bauherren signalisiert das Vorhaben, dass zirkuläre Baumaterialien zunehmend den Schritt vom Laborexperiment in die industrielle Baustoffproduktion vollziehen. Der erfolgreiche Transfer auf andere Produktionsstandorte wird darüber entscheiden, ob mineralische Sekundärwerkstoffe dieser Art künftig in größerem Maßstab als ökologische Fassaden- und Ausbauelemente spezifiziert werden können.
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