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Am Brandschutz wird nicht gespart

Brandschutz

Holzbau, Fassadenbegrünung, PV-Module auf Dach und Fassaden - die Brandschutzbranche leistet gerade Pionierarbeit und nutzt dazu auch neue Methoden wie Simulationen am Bildschirm.
Der Brandschutz muss sicher sein - ohne Wenn und Aber. Im Exklusivinterview erklärt Werner Hoyer-Weber; Geschäftsführer Hoyer Brandschutz, vor welchen Herausforderungen die Branche steht. Von Krisenstimmung, wie in anderen Bereichen des Baunebengewerbes kann keine Rede sein. Am Brandschutz wird nicht gespart, es sind vielmehr die Überregulierung und der Fachkräftemangel, die die Kreativität der Ingenieurbüros hemmen.

Interview: Werner Hoyer-Weber

Building Times: Viele Bauherren und Investoren beklagen den Kostendruck. Wird auch beim Brandschutz gespart?

Werner Hoyer-Weber: Unsere Auftragslage ist gut, die Krise nicht spürbar. Wir haben viel zu tun. Die Umsetzung von Brandschutzmaßnahmen unterliegt strengen Regulatoren und es gibt sehr wenig Spielraum, um hier den Sparstift anzusetzen. Am Brandschutz selbst wird somit nicht gespart. Von Seiten der Anbieter gibt es aber natürlich immer wieder Innovationen, die den Materialaufwand reduzieren, damit die Kosten sinken. Aber auch hier unterliegen die Zulassungsverfahren strengen Prüfverfahren, die Kriterien und Vorgaben für den Einbau sind ebenfalls klar definiert. Die Qualitätskontrolle auf der Baustelle wird damit noch wichtiger, für uns ist das sicher ein Mehr an Arbeit.

BT: Die Branche spart am Material, demnach aber nicht an der Planungsleistung, oder?

Hoyer-Weber: Potenzial, um Kosten einzusparen, können wir unseren Kunden zum Beispiel durch Simulationen anbieten. Wir können es am Bildschirm brennen lassen – also durch Simulationen nachweisen, dass geplante Brandschutzmaßnahmen funktionieren. Es handelt sich um eine noch junge Methodik. Im Rahmen des VIB arbeiten Experten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zusammen, um die Bekanntheit dieser Ingenieurmethode zu erhöhen und sich auszutauschen. In Österreich wurde 2021 der Brandschutzverein SFPE gegründet, der 2025 den Schritt in die Öffentlichkeit gemacht hat. Auch dort steht die Simulation im Fokus.

BT: Der Holzbau boomt, welche Herausforderungen stellen sich bei der Planung, inwieweit unterscheiden sich die Lösungen von jenem im klassischen baulichen Brandschutz?

Hoyer-Weber: Der Holzbau ist ein ganz großes Thema, aus ökologischer und politischer Sicht gefordert. Die Bauordnung erlaubt heute Gebäude aus Holz mit bis zu sechs oberirdischen Geschoßen – mit einem Brandschutzkonzept lassen sich abweichend davon natürlich auch andere Bauvorhaben realisieren. Wir haben vor kurzem das Stationsgebäude Süd des Wiener AKH fertiggestellt, einen Neubau in Holzmodulbauweise. Die Herausforderungen stecken hier im Detail und sind ganz anders gelagert als im Betonbau. In der Normierung ist Vieles erst im Entstehen, es gibt keine Lösungen von der Stange.
Zudem sind wir vermehrt mit alternativen Baustoffen und anderen Entwicklungen konfrontiert. Holzbau, Fassadenbegrünungen, PV-Module auf Dach und Fassade – das sind alles brennbare Elemente. Die Branche leistet Pionierarbeit, die Arbeitsprozesse sind nicht leicht, aber lösungsorientiert. Klar ist: Der Brandschutz muss sicher sein, da gibt es kein Wenn und Aber.

BT: Sie haben das Thema Normen erwähnt. Erleben Sie in der Praxis eher Überregulierung oder zu viele Interpretationsspielräume im Brandschutz?

Hoyer-Weber: Ich würde den bestehenden Normenkatalog gerne ausmisten. Der Brandschutz unterliegt zwischen 700 und 800 verschiedenen Normen und Richtlinien, die einander ab und zu auch widersprechen. Die 2007 eingeführte OIB-Richtlinie bewährt sich gut, sie wird alle vier Jahre aktualisiert und ist in allen Bundesländern anerkannt. Das OIB hat sehr rasch auf PV-Anlagen und Fassadenbegrünung reagiert. Was es jetzt braucht, ist eine Verfeinerung der Regulierungen. In Hinblick auf die Simulationen ist vieles noch ungeregelt, hier greifen wir auf Normen aus Deutschland und den USA zurück.

BT: Gibt es eine Norm, die Sie bei Ihrer täglichen Arbeit so richtig nervt?

Hoyer-Weber: Wir arbeiten täglich mit einer Vielzahl an Normen und Richtlinien. Was mich stört, ist, wenn es zwei unterschiedliche Regelwerke zu ein und demselben Thema gibt. Prinzipiell habe ich aber weniger Probleme mit den Normen als mit dem gesellschaftlichen Umgang damit. Normen sind selbstverständlich einzuhalten, man muss aber nicht alles totregeln. „Ja, darf man das denn überhaupt?“ – eine Frage, die wir immer wieder zu hören bekommen. Wir sind Ingenieure, wir bilden uns fort, wir beherrschen unsere Arbeit. Aber es scheint, dass in einem Rechtsstaat alles auf Punkt und Komma geregelt sein muss, die Kreativität bleibt auf der Strecke. Doch wir Ingenieure haben das Fachwissen und es geht bei vielen Bauvorhaben einfach nur darum den Verstand einzusetzen. Es gibt kein normiertes Gebäude, daher auch keine normierte Brandschutzlösung. Was mich auch ärgert, ist die Unsicherheit bei Entscheidungsträgern. Nötige Entscheidungen werden nicht getroffen, das verzögert den Baufortschritt oder macht manchmal sogar komplette Neuplanungen erforderlich.

BT: Die kurz angesprochenen Simulationen sind ein gutes Beispiel für die Digitalisierung. Welche Rolle spielen digitale Planungsmethoden wie BIM im modernen Brandschutz?

Hoyer-Weber: Die Digitalisierung hat Einzug gehalten, sie ist angekommen. Gerade in der Löschanlagenplanung arbeiten wir schon seit Jahren mit BIM, in der Brandschutzplanung arbeiten wir noch konventionell, sind aber gerade dabei die Methodik zu implementieren. Großprojekte sind ohne BIM nicht zu machen, die Methodik wird schon in den Ausschreibungen gefordert.

BT: Einige Ihrer Kollegen sehen das anders…

Hoyer-Weber: Wir sind Mitglied in der Fachgruppe Ingenieurbüros in Wien. Bei einigen Kollegen gibt es nach wie vor große Skepsis, sie müssen ihr Lehrgeld noch zahlen. Ich bin überzeugt, ohne BIM wird es künftig nicht gehen. Aber natürlich befinden wir uns noch in einer Entwicklungsphase. Fragen zu den Arbeitsprozessen oder zur Honorierung sind noch auszuarbeiten.

BT: Um noch einmal auf das Simulationstool zurückzukommen – können Sie es bitte etwas genauer erklären?

Hoyer-Weber: Wir arbeiten mit zwei Programmen. Mit dem thermodynamischen Programm können wir Temperaturverläufe und Verrauchungen simulieren: Wir sehen, wie entwickeln sich Feuer und Rauch, wie breiten sie sich aus. Mit dem Personenstrommodell können wir das Verhalten von Personen im Brandfall am PC nachstellen, das Fluchtverhalten analysieren. Wir modellieren das Gebäude, legen den Brand und sehen, wo sich die Leute sicher im Gebäude aufhalten können, wo es zu keiner Verrauchung kommt.

BT: Ein praktisches Beispiel dazu?

Hoyer-Weber: Wir kombinieren auch beide Programme, das liefert noch umfangreichere Informationen. Ein Beispiel? Eine Schule mit zwei Fluchtstiegen sollte vergrößert werden. Braucht es bei mehr Schülern ein neues Fluchttreppenhaus? Wir konnten nachweisen, dass es bei einem Brand in den bestehenden Treppenhäusern zu keinen Staus kommt, der Bau eines dritten konnte eingespart werden.

BT: Fachkräftemangel ist in der Branche ein Dauerthema: Wie schwierig ist es aktuell, qualifizierte Brandschutzplaner zu finden – und wie gehen Sie damit um?

Hoyer-Weber: Den Brandschutzplaner in dem Sinne gibt es nicht, denn es wird in Österreich noch immer keine eigene Ausbildung angeboten. Ich habe meine Ausbildung in Deutschland gemacht, dort auch die Simulationen kennen gelernt. In Dresden und Zürich gibt es spezielle Fachausbildungen. Über SFPE Austria fördern wir die universitäre Zusammenarbeit – auch Schulungen und Ausbildungen sind ein großes Thema in der Verbandsarbeit.

BT: Wie und wo finden Sie den Nachwuchs für Ihr Unternehmen?

Hoyer-Weber: Wir machen viel Öffentlichkeitsarbeit und suchen in HTLs, sprechen auf Unis Studierende an, die sich mit dem Bauingenieurwesen beschäftigen und bieten Praktika an. Brandschutzplanung steht bei Vielen nicht ganz oben auf der Wunschliste und scheint im ersten Moment nicht so interessant. Wer sich darauf einlässt, ist aber sehr schnell begeistert. Brandschutz ist eine Querschnittsmaterie aus den verschiedensten Bereichen, extrem komplex und spannend. Wir bilden unsere Mitarbeiter selbst aus. Aktuell sind wir auf der Suche nach begeisterungsfähigen Menschen in der Planung, aber auch im administrativen Bereich. Wir sind dabei uns zu vergrößern.

BT: Hoyer auf Wachstumskurs?

Hoyer-Weber: Unserem Unternehmen geht es gut. Wir sind im Baunebengewerbe tätig und damit vom Bau abhängig. Unser Vorteil ist aber, dass wir sehr breit aufgestellt sind, in der Sanierung wie im Neubau. Ich sehe das Wachstum vor allem im Bestandsbau, in der Verdichtung.

BT: Wo sehen Sie das größte Potenzial?

Hoyer-Weber: Ein ganz großer Player ist das Gesundheitswesen, in Niederösterreich sind Erweiterungen und Neubauten geplant, in Wien Modernisierungen. Der Wohnbau liegt darnieder. Noch – denn wie lange kann man sich das noch leisten? Aus der Seestadt oder dem neuen Gebiet am Nordbahnhof kommt bereits das eine oder andere Projekt. Die Industrie schwächelt. Der Schulbereich war sehr stark, zeigt sich jetzt etwas verzögert. Der Bedarf ist aber immer noch da, es spießt sich am Budget – auch das daher nur eine Frage der Zeit.

© Cachalot Media House GmbH - Veröffentlicht am 27. Mai 2026 - zuletzt bearbeitet am 27. Mai 2026


BF
AutorBarbara Fürst
Tags
Brandschutz
Normen
Bim
Kosten
Deutschland
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