Die Gaupenräuber

Beim Wiener Architekturbüro gaupenraub +/- ist fast alles anders als bei anderen Architektur-Schaffenden. Vor allem das enorme soziale Engagement prägt Ulrike Schartner und Alexander Hagner. Derzeit freuen sich die beiden über mehrere Architektur-Preise.

Das Einzige, was wir nicht machen, sind offene Wettbewerbe“, beginnt Ulrike Schartner nach einer Kurzvorstellung ihres Partners Alexander Hagner zu Beginn ihrer Präsentation von gaupenraub +/- im Rahmen des Steirischen Herbstes im Grazer Haus der Architektur, was schon einmal ein ungewöhnlicher Einstieg ist. Im weiteren Verlauf präzisiert sie dann „Tabula Rasa“ zur Frage von Themen-Grenzen.

Im späteren Interview mit Building Times erläutert Schartner dann, dass es bei ganz großen Wettbewerben mehr als tausend Teilnehmer gäbe „und wir haben uns überlegt, wie viele Arbeitsstunden der beteiligten Büros das bedeutet. Wenn wir Arbeitszeit verschenken, dann für Projekte, die auch gebaut werden, also Sozialprojekte“. Alexander Hagner legt noch eine Schaufel nach, wenn er anfügt: „Beides gemeinsam würde sich nicht ausgehen, wir wollen ja auch von etwas leben. Wettbewerbe sind win-loose-, loose-loose-loose-Situationen, bei denen nur einer gewinnt, sehr viele aber verlieren“.

Überdies glauben Schartner und Hagner nicht daran, dass Wettbewerbe die beste Lösung sind. „Gemeinsam und in enger Kooperation mit dem Bauherrn, in intensiver Zusammenarbeit, im Austausch entstehen die besten Ideen“, ist Hagner überzeugt.

Wieso gaupenraub?

No, na steht die Frage nach dem Namen gaupenraub stets am Anfang jedes Gesprächs, jeder Diskussion, zu ungewöhnlich ist er, um nicht nachzufragen. „Ganz am Anfang, vor etwas mehr als 20 Jahren, waren wir mit Dachboden-Ausbauten beschäftigt und da hat eine Bauherrin nach dem Studium der ersten Entwürfe ausgerufen: ‚Ihr könnt mir doch nicht meine Gaupen rauben‘“, erklärt Ulrike Schartner mit einem leichten Schmunzeln.

„Das hat uns gefallen, denn Gaupen sind auch ein Ausdruck von Komplexität. Und als Schüler von Prix (Wolf D., Professor, Mitbegründer der Coop Himmelblau, Anm.) dessen Ziel immer die Komplexität gewesen ist, hat uns das gefallen. Wir wollten auch keine Familiennamen, denn manchmal brauchen wir auch andere Kollegen“, sagt Schartner, um gleichzeitig einzuräumen: „Manche wollen nicht mit uns bauen wegen gaupenraub“. Was von Haus aus für eine gewisse Selektion unter den Auftraggebern sorgt, denn auch die „Gaupenräuber“ wollen nicht mit jedem.

Was sie anstreben, sind „Höchstleistungen in der Architektur. Dabei spielt der Ort, für den ein Projekt entwickelt werden soll, die absolute Hauptrolle. Der genius loci ist der Ausgangspunkt unserer Arbeit, seine Intensivierung eine unserer Bestrebungen“, sagt gaupenraub in der Selbstbeschreibung für die IG Architektur.

Die handelnden Personen

Ulrike Schartner, Jahrgang 1966, Wienerin, studierte nach dem Kolleg für Innenausbau und Möbelbau, HTL Mödling, an der Universität für Angewandte Kunst in der Meisterklasse von Johannes Spalt und Wolf D. Prix, sowie an der Königlich- Technischen Hochschule in Stockholm. Sie ist Ziviltechnikerin.

Alexander Hagner, Jahrgang 1963, „gebürtiger Deutscher, absolvierte nach der Matura eine Tischlerlehre und studierte ebenfalls an der Angewandten bei Spalt und Prix. Seit 2016 hat er eine Stiftungsprofessur über „Soziales Bauen“ an der Architekturfakultät der FH Kärnten inne. Derzeit hat das Büro zwei MitarbeiterInnen.

1999 gründeten die beiden gaupenraub in Wien, sind Büro-, aber nicht Lebenspartner. „Jeder hat seine eigene Familie“, sagt Schartner. Wir sind eine Personengesellschaft, zu gleichen Teilen Eigentümer und haften unbeschränkt persönlich“, erläutert Schartner.

Die unendliche VinziDorf-Geschichte

Begonnen hat die soziale Arbeit für gaupenraub damit, dass Alexander Hagner davon gelesen hat, dass „ein Grazer Pfarrer in Graz ein VinziDorf gemacht hat. Ich kannte ja keine Obdachlosen, weil ich aus einem süddeutschen Dorf komme, von wo die alle in die Stadt gegangen sind. So habe ich Pfarrer Pucher angerufen und gefragt, ob er mich brauchen kann, ich würde mitarbeiten. Ulrike arbeitete damals in Stockholm und war einverstanden, so haben wir begonnen“.

Kunststück Grundstück

„Wir haben bald in Aspern ein kirchliches Grundstück gefunden, mit einer Kapelle drauf. Dann gab es bald 1.500 Anrainer-Schreiben, die dagegen waren, samt Kirchenaustritts-Androhungen und auch von fünf anderen Grundstücken wurden wir vertrieben“, berichtet Hagner, der das VinziDorf von Anfang an betreut hat. „Erst das siebente Grundstück, eines der Lazaristen auf dem schon ein Baurecht drauf war, hat dann gepasst“. Allerdings auch erst, nachdem das Wiener Verwaltungsgericht Beschwerden abgewiesen hatte, wonach aufgrund der Situierung in einer Schutzzone mit umliegenden Wohnhausanlagen, Kindergärten und Schulen, das letztlich vom Bauwerber nach wie vor offenkundig verfolgte Ziel, nämlich die Unterbringung von nicht resozialisierbaren Alkoholkranken, abzulehnen ist“. Schartner dazu: „Wir haben x-mal umgezeichnet, die Politik hat’s immer wieder verhindert und das Verwaltungsgericht hat’s dann durchgewunken, denn die Anrainer können nicht bestimmen, wer dort wohnen soll“.

Notschlafstelle und Wohngemeinschaft

Inzwischen entstand 2004 die VinziRast-Notschlafstelle, „eine sehr niederschwellige Notschlafstelle für Menschen, die aus verschiedensten Gründen obdachlos sind“ und 2010 entstand dann die Vinzi-Rast-Wohngemeinschaft für ehemals alkoholabhängige Obdachlose „mit Einzelzimmern und einer gemeinsamen Küche“. Stets flankiert von der Grundstückssuche für das Vinzi Dorf.

VinziRast-mittendrin kam dann 2013 zustande, als „Pilotprojekt zur Inklusion obdachloser Menschen, initiiert von Studierenden“, getragen von der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan, in einem von Hans Peter Haselsteiner angekauften Gebäude, unter der Leitung von Cecily Corti unter Mithilfe von Doris Kerbler, Heide Schmidt und vielen anderen. Mitte Oktober feierten die heutigen VinziWerke, pandemiebedingt mit einem Jahr Verspätung, ihr Bestandsjubiläum, das deshalb das 31. wurde. Nach wie vor geführt und getrieben von dem überaus durchsetzungsstarken, inzwischen 82-jährigen Pfarrer Wolfang Pucher. HTL-SchülerInnen haben vorgefertigt und montiert Nachdem das Wiener Verwaltungsgericht grünes Licht gegeben hatte, ging es mit dem VinziDorf endlich los. Auf einem Grundstück der Lazaristen in Hetzendorf entstanden 16 Wohnmodule In Holzrahmenbauweise mit Zimmern inklusive Bad mit achteinhalb Quadratmetern. „Natürlich waren wir auch dort auf Spenden angewiesen“, sagt Architektin Schartner, „Firmen halfen mit Baumaterial und Sachspenden, beispielsweise Eternitplatten in unterschiedlichen Formen und Farben sowie alte Fenster, die 16-mal unterschiedlich sind. Und weil uns Wienerberger Ziegel geschenkt hatte, hat jedes Haus eine Ziegelwand bekommen“.

SchülerInnen der HTL Mödling haben die Holz-Ständerwände in der Schule vorgefertigt und auf der Baustelle montiert, dazu kommt ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude, „das ein wunderschönes altes Gasthaus geworden ist“. Das für Schartner fast Wichtigste: „Die Bewohner sind alkoholkranke Männer, die ein unbefristetes Bleiberecht haben und 15 Prozent ihres Einkommens Miete zahlen. Die fühlen sich als Mieter, weshalb einer zu mir gesagt hat, er habe jetzt ein Haus in Wien“. 16 Jahre hat das Projekt laut Schartner gebraucht.

Jüngst ist auch noch die VinziRast am Land in Mayerling dazugekommen, mit dem Subtitel „Boden unter den Füßen“, wo ehemals Obdachlose Beschäftigung, Tagesstruktur, Geborgenheit und sozialen Halt bekommen sollen. Wofür es großzügige Anbauflächen, viel Natur, Gemeinschaftsräume, kleine Wohneinheiten, Werkstätten, sowie Seminar-Angebote gibt und ein Gewächshaus geplant ist. Mehr als 70 Prozent andere Projekte Angesichts der scheinbaren Fülle an Projekten für die VinziWerke betonen die Gaupenräuber, dass „andere Projekte mehr als 70 Prozent unserer Arbeit ausmachen. Von Sozialprojekten könnten wir nicht leben. Aber die Randgruppen sind ein Thema, das uns interessiert. Wir wollen Architektur dort hinbringen, wo es sie noch gar nicht gibt. Weder Ulrike noch ich haben jemals eine Midlife-Krise gehabt, wie sie andere haben“, hält Hagner fest.

Weshalb es schwer fällt, aus der langen Projektliste einzelne Bauten auszuwählen: Jedoch, das „erste Neubauprojekt des Büros, das bis dahin Dachausbauten, Um- und Zubauten gemacht hat“, ragt heraus: Das Eiermuseum in Winden am See, 2012 fertiggestellt, von Johannes Spalt übernommen, der auf dem demselben Grundstück für den Bildhauer Wander Bertoni gebaut hatte, „konstruktiv sehr interessant, alles fliegt, alles hängt, wobei die Werkraum Ingenieure Luft unter die Flügel gegeben haben“, wie Schartner sagt, und „ohne Geschichte, also ohne genius loci nicht denkbar“ wäre.

Bemerkenswert auch das „Haus Martin Lang“, mit dem der Inhaber einer Installateurfirma alles, was er seinen Kunden anbietet auch selbst installiert haben möchte, um es überprüfen zu können, was in Summe 15 Jahre gedauert hat, oder schließlich der Umbau und die Sanierung der ehemaligen Würzlmühle in Kirchberg an der Wild. „Das ist Bauen im Bestand, wo wir versuchen, den Ball aufzunehmen, das Haus neu zu beseelen und es baukulturell weiterzuführen“, wie die Architektin sagt.

Der Preisregen

Das rund 20-jährige Streben von Schartner und Hagner wurde in der letzten Zeit, aber auch schon davor, mit einer Reihe von Auszeichnungen versehen. Fangen wir mit dem Architekturpreis 2020 der Stadt Wien an, der gaupenraub „als Würdigung für das bisherige Lebenswerk“ verliehen wurde, was Schartner und Hagner zu der augenzwinkernden Überlegung veranlasst hat, direkt in Pension zu gehen – „das wollen wir aber nicht“. Den ZV-Bauherrenpreis bekamen die beiden für das VinziDorf, genauso wie Wien-Wood 21, und den Preis „Einfach Grün“ des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt gab es für die Dachterrasse der VinziRast mittendrin.

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