Viele ungenutzte Recycling-Potenziale
Millionen Tonnen nutzbarer Aushub landen auf Deponien, so eine Studie der TU Wien.
Österreichs Bauwirtschaft verbraucht enorme Ressourcen, schöpft die Möglichkeiten des Recyclings jedoch bislang nur unzureichend aus. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „kreislaufwirtschaft:bauen“ der TU Wien im Auftrag des Baukonzerns Strabag unter wissenschaftlicher Leitung von Iva Kovacic und Helmut Rechberger. Die Analyse der Materialströme zeigt, dass vor allem bei Bodenaushub und der Wiederverwendung von Bauteilen erhebliche Hebel für Klimaschutz, Ressourcenschonung und Versorgungssicherheit liegen. Das Materiallager der heimischen Bauwirtschaft wächst kontinuierlich: Pro Jahr kommen rund 77 Millionen Tonnen an Baustoffen in Gebäuden, Straßen und Infrastruktur hinzu.
Jede Österreicherin und jeder Österreicher trägt damit rechnerisch einen „Baustoff-Rucksack“ von etwa 360 Tonnen. Gleichzeitig fallen jährlich 49 Millionen Tonnen Bauabfälle an. Zwar werden Bau- und Abbruchabfälle bereits zu 78 Prozent stofflich verwertet, doch geschieht dies zu einem großen Teil in Form von minderwertigem Downcycling. „Die österreichische Bauwirtschaft ist noch weit davon entfernt, flächendeckend zirkulär zu bauen“, betont Stefan Kratochwill, Strabag CEO. Gemeinsam mit der TU Wien habe man nun eine belastbare Grundlage geschaffen, um Standards weiterzuentwickeln, regulatorische Rahmenbedingungen anzupassen und den Wandel hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen.
Potenzial-Sieger ist der Aushub
Das größte ungenutzte Potenzial birgt der Bodenaushub. Mit rund 38 Millionen Tonnen jährlich macht er 57 Prozent des gesamten österreichischen Abfallaufkommens aus und ist damit der größte einzelne Abfallstrom. Technisch ließen sich bis zu 90 Prozent dieses Materials verwerten. In der Praxis werden gegenwärtig jedoch lediglich 21 Prozent stofflich genutzt, während knapp 60 Prozent auf Deponien landen. Zudem erfolgt selbst die Verwertung überwiegend als Downcycling, etwa als Untergrundverfüllung. Helmut Rechberger, Professor an der TU Wien, verweist auf das über Jahrzehnte entstandene Materiallager in Siedlungen und Infrastrukturen: Für eine künftige Kreislaufnutzung brauche es moderne Recyclingtechnologien, bessere Daten zur Materialzusammensetzung sowie verbesserte Rahmenbedingungen.
Großes Potenzial bietet zudem das Re-Use von Bauteilen. Referenzprojekte belegen CO₂-Einsparungen von bis zu 91 Prozent, während wiedergewonnene Materialien teils rund 20 Prozent günstiger als Neuprodukte sind. Über den gesamten Lebenszyklus hinweg können kreislaufoptimierte Gebäude sogar geringere Kosten als konventionelle Bauten verursachen. Iva Kovacic, Professorin an der TU Wien, sieht den Schlüssel für das Hochskalieren in der Wiederverwendung von Primärkonstruktionen bzw. tragenden Bauteilen, da hier die größten Massen gebunden sind. Um die Potenziale in die Praxis zu überführen, formulieren STRABAG und TU Wien konkrete Handlungsempfehlungen: praxistauglichere Qualitätskriterien für Recyclingbaustoffe, mehr Spielraum für die Bodenaushub-Verwertung, die verpflichtende Einführung eines Gebäuderessourcenpasses, standardisierte Re-Use-Checks vor Abrissen sowie verbindliche Zirkularitätskriterien in der öffentlichen Beschaffung und gezielte Forschungsförderungen.
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