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Klettern statt beten
Eine Innsbrucker Kirche wird künftig als Kletterhalle genutzt.
Beten war schon einmal moderner. Das bringt für viel Pfarren große finanzielle und strukturelle Herausforderungen. Zugleich stellen Kirchen ein kulturelles Erbe und wichtige Orte der Gemeinschaft dar. Ihre Umnutzung erfordert besondere planerische Sensibilität und integrales Know-how. Ein Beispiel dafür ist Pfarrkirche Petrus Canisius in Innsbruck, wo kürzlich die letzte Messe gefeiert wurde. Ein Teil des architektonisch markanten Sakralbaus soll künftig als Boulderhalle genutzt werden, ergänzt durch einen Gastronomiebereich in einem südlichen Zubau.
Ihre Umnutzung von Sakralbauten stellt die Planung vor eine besondere Aufgabe: Sie verlangt Verantwortung, Sensibilität und neue Antworten. In Österreich ist die Umnutzung von Sakralräumen bislang selten bis kaum erprobt. Das verstärkt rechtliche, denkmalpflegerische und gesellschaftliche Herausforderungen. Sakralbauten entsprechen oft nicht den heutigen Anforderungen an Haustechnik, Brandschutz oder Barrierefreiheit. Gleichzeitig tragen sie neben ihrem materiellen Wert eine tief verankerte religiös-symbolische Bedeutung. Eingriffe werden daher nicht nur baulich, sondern auch kulturell und ethisch bewertet – und erfordern einen sensiblen Dialog zwischen Kirche, Denkmalpflege und Öffentlichkeit und Architektur.
Die Kraft des Raums
Aber die Sakralbauten haben auch Stärken: Dazu gehört die außergewöhnliche räumliche Qualität, die sich besonders für Nutzungen eignen, die diese Großzügigkeit aktiv erlebbar machen. Große Spannweiten, Lichtführung, vertikale Raumwirkung und klare Geometrie verleihen Kirchenräumen oft ihre besondere Atmosphäre. Genau diese Eigenschaften reagieren jedoch sensibel auf (technische) Eingriffe. Veränderung ist nur bis zu jenem Punkt verträglich, an dem Raumwirkung, Proportion und Lichtkonzept weiterhin ablesbar bleiben.
Nicht jede Nutzung passt in eine Kirche. Sport-, Kultur- oder Versammlungsnutzungen funktionieren gut, weil sie freistehend organisiert werden können. Sie lassen den Raum als Ganzes erlebbar werden. Entscheidend ist dabei immer, dass sie mit vertretbaren, reversiblen Eingriffen realisierbar sind. Der Umgang mit der symbolischen Bedeutung solcher Räume verlangt nach Ansicht von ATP-Architekt Florian Anschober vor allem eines: Zurückhaltung, Lesbarkeit und Dialog. „Neue Nutzungen müssen als zeitgenössische Ergänzung erkennbar bleiben und dürfen nicht versuchen, den sakralen Ausdruck zu imitieren oder zu überformen“, betont er. Neue Funktionen lassen sich integrieren, ohne mit der bestehenden Architektur zu konkurrieren, indem neue Elemente konstruktiv eigenständig, klar strukturiert und formal reduziert ausgebildet werden. Freistehende, additive Einbauten respektieren den Bestand und lassen die historische Architektur prägend bleiben.
Drei Maßnahmen greifen dabei ineinander: die Ergänzung durch einen Zubau, die Umnutzung des Kirchenraums sowie die Neuordnung des Außenraums. Neue Elemente sind als zeitgenössische Ergänzungen klar ablesbar und treten nicht in Konkurrenz zur bestehenden sakralen Architektur. Der Zubau entlang der Innpromenade ist in seiner Maßstäblichkeit und Höhenentwicklung auf die Kirche abgestimmt und fügt sich in das Ensemble ein, ohne gestalterisch zu dominieren. Dieser dockt im Sinne eines „Plug-and-Play“-Prinzips an den Bestand an und kann bei Bedarf jederzeit rückgebaut werden, ohne den ursprünglichen Zustand der Kirche dauerhaft zu verändern.
Die Kirche als Kletterraum
Die Pfarrkirche Petrus Canisius ist ein Beispiel für die Weiterentwicklung eines Kirchenraums. Der Schlüssel zum Erfolg lag hierbei in der Integralen Planung von Beginn an – im Zusammenspiel von Architektur, Haustechnik, Elektroplanung und Tragwerksplanung. Nur so konnte eine Lösung entwickelt werden, die die Anforderungen von Kirche, Stadt, Denkmalpflege und Öffentlichkeit gleichermaßen berücksichtigt. „Das Projekt ist in Österreich von außergewöhnlichem Interesse, da es eine der ersten Sakralumnutzungen dieser Art darstellt“, erläutert Anschober.
Im Kirchenraum bleibt die räumliche Wirkung des von Horst Parson entworfenen Sakralbaus mit umlaufendem Lichtband vollständig erhalten. Der Hauptboulderbereich im ehemaligen Kirchenschiff bildet den räumlichen Schwerpunkt. Freistehend eingestellte Boulderwände respektieren die bestehende Raumstruktur und erhalten die besondere Atmosphäre des sakralen Raums. Die Kletterwände schweben als klare, neue Ebene über den Matten, der Altar bleibt sichtbar und zugänglich. Die erforderliche Haustechnik wird nahezu unsichtbar ausgelagert, sodass Klettern als neue Funktion klar erkennbar ist, ohne den sakralen Raum zu überlagern. Die für den hohen Luftwechsel notwendige Lüftungsanlage wird in der überhöhten Attika eines südlichen Zubaus untergebracht. Die Abluft wird über das Erdreich um das Gebäude zurückgeführt. Der denkmalgeschützte Bestand bleibt so weitgehend frei von Leitungsführungen und Einbauten.
Der Um- und Zubau schafft aber die Voraussetzung, neue Zielgruppen anzusprechen und sowohl das Gebäude selbst als auch den umliegenden Stadtteil nachhaltig zu beleben. Insbesondere die Öffnung zur Innpromenade mit Gastronomie, Terrasse und öffentlich zugänglichen WC-Anlagen birgt großes Potenzial, die Aufenthaltsqualität und das Freizeitangebot entlang des Inns zu steigern.
Filigrane Galerien erweitern die Nutzflächen und dienen als Aufenthalts- und Zuschauerbereiche. Die barrierefreie Erschließung aller Ebenen stellt sicher, dass das Gebäude für unterschiedliche Nutzer:innen zugänglich bleibt und als offener, lebendiger Ort im Quartier funktioniert.
Ihre Umnutzung von Sakralbauten stellt die Planung vor eine besondere Aufgabe: Sie verlangt Verantwortung, Sensibilität und neue Antworten. In Österreich ist die Umnutzung von Sakralräumen bislang selten bis kaum erprobt. Das verstärkt rechtliche, denkmalpflegerische und gesellschaftliche Herausforderungen. Sakralbauten entsprechen oft nicht den heutigen Anforderungen an Haustechnik, Brandschutz oder Barrierefreiheit. Gleichzeitig tragen sie neben ihrem materiellen Wert eine tief verankerte religiös-symbolische Bedeutung. Eingriffe werden daher nicht nur baulich, sondern auch kulturell und ethisch bewertet – und erfordern einen sensiblen Dialog zwischen Kirche, Denkmalpflege und Öffentlichkeit und Architektur.
Die Kraft des Raums
Aber die Sakralbauten haben auch Stärken: Dazu gehört die außergewöhnliche räumliche Qualität, die sich besonders für Nutzungen eignen, die diese Großzügigkeit aktiv erlebbar machen. Große Spannweiten, Lichtführung, vertikale Raumwirkung und klare Geometrie verleihen Kirchenräumen oft ihre besondere Atmosphäre. Genau diese Eigenschaften reagieren jedoch sensibel auf (technische) Eingriffe. Veränderung ist nur bis zu jenem Punkt verträglich, an dem Raumwirkung, Proportion und Lichtkonzept weiterhin ablesbar bleiben.
Nicht jede Nutzung passt in eine Kirche. Sport-, Kultur- oder Versammlungsnutzungen funktionieren gut, weil sie freistehend organisiert werden können. Sie lassen den Raum als Ganzes erlebbar werden. Entscheidend ist dabei immer, dass sie mit vertretbaren, reversiblen Eingriffen realisierbar sind. Der Umgang mit der symbolischen Bedeutung solcher Räume verlangt nach Ansicht von ATP-Architekt Florian Anschober vor allem eines: Zurückhaltung, Lesbarkeit und Dialog. „Neue Nutzungen müssen als zeitgenössische Ergänzung erkennbar bleiben und dürfen nicht versuchen, den sakralen Ausdruck zu imitieren oder zu überformen“, betont er. Neue Funktionen lassen sich integrieren, ohne mit der bestehenden Architektur zu konkurrieren, indem neue Elemente konstruktiv eigenständig, klar strukturiert und formal reduziert ausgebildet werden. Freistehende, additive Einbauten respektieren den Bestand und lassen die historische Architektur prägend bleiben.
Drei Maßnahmen greifen dabei ineinander: die Ergänzung durch einen Zubau, die Umnutzung des Kirchenraums sowie die Neuordnung des Außenraums. Neue Elemente sind als zeitgenössische Ergänzungen klar ablesbar und treten nicht in Konkurrenz zur bestehenden sakralen Architektur. Der Zubau entlang der Innpromenade ist in seiner Maßstäblichkeit und Höhenentwicklung auf die Kirche abgestimmt und fügt sich in das Ensemble ein, ohne gestalterisch zu dominieren. Dieser dockt im Sinne eines „Plug-and-Play“-Prinzips an den Bestand an und kann bei Bedarf jederzeit rückgebaut werden, ohne den ursprünglichen Zustand der Kirche dauerhaft zu verändern.
Die Kirche als Kletterraum
Die Pfarrkirche Petrus Canisius ist ein Beispiel für die Weiterentwicklung eines Kirchenraums. Der Schlüssel zum Erfolg lag hierbei in der Integralen Planung von Beginn an – im Zusammenspiel von Architektur, Haustechnik, Elektroplanung und Tragwerksplanung. Nur so konnte eine Lösung entwickelt werden, die die Anforderungen von Kirche, Stadt, Denkmalpflege und Öffentlichkeit gleichermaßen berücksichtigt. „Das Projekt ist in Österreich von außergewöhnlichem Interesse, da es eine der ersten Sakralumnutzungen dieser Art darstellt“, erläutert Anschober.
Im Kirchenraum bleibt die räumliche Wirkung des von Horst Parson entworfenen Sakralbaus mit umlaufendem Lichtband vollständig erhalten. Der Hauptboulderbereich im ehemaligen Kirchenschiff bildet den räumlichen Schwerpunkt. Freistehend eingestellte Boulderwände respektieren die bestehende Raumstruktur und erhalten die besondere Atmosphäre des sakralen Raums. Die Kletterwände schweben als klare, neue Ebene über den Matten, der Altar bleibt sichtbar und zugänglich. Die erforderliche Haustechnik wird nahezu unsichtbar ausgelagert, sodass Klettern als neue Funktion klar erkennbar ist, ohne den sakralen Raum zu überlagern. Die für den hohen Luftwechsel notwendige Lüftungsanlage wird in der überhöhten Attika eines südlichen Zubaus untergebracht. Die Abluft wird über das Erdreich um das Gebäude zurückgeführt. Der denkmalgeschützte Bestand bleibt so weitgehend frei von Leitungsführungen und Einbauten.
Der Um- und Zubau schafft aber die Voraussetzung, neue Zielgruppen anzusprechen und sowohl das Gebäude selbst als auch den umliegenden Stadtteil nachhaltig zu beleben. Insbesondere die Öffnung zur Innpromenade mit Gastronomie, Terrasse und öffentlich zugänglichen WC-Anlagen birgt großes Potenzial, die Aufenthaltsqualität und das Freizeitangebot entlang des Inns zu steigern.
Filigrane Galerien erweitern die Nutzflächen und dienen als Aufenthalts- und Zuschauerbereiche. Die barrierefreie Erschließung aller Ebenen stellt sicher, dass das Gebäude für unterschiedliche Nutzer:innen zugänglich bleibt und als offener, lebendiger Ort im Quartier funktioniert.
FA
AutorFranz Artner
Tags
Umnutzung
Architektur
Österreich
bestand
Kirche
ATP
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